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Kultur „In jeder Note dabei sein“
Nachrichten Kultur „In jeder Note dabei sein“
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08:00 22.02.2014
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Foto: Anna Vinnitskaya ist mit 30 Jahren Deutschlands jüngste Klavier-Professorin und lehrt an der Hamburger Hochschule für Musik.
Anna Vinnitskaya ist mit 30 Jahren Deutschlands jüngste Klavier-Professorin und lehrt an der Hamburger Hochschule für Musik. Quelle: Esther Haase
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Kiel

Frau Vinnitskaya, in einer Kritik nach einem Klavierabend von Ihnen war von einem „Tastenvieh, das im Dunkeln den Angriff vorbereitet“ zu lesen – erkennen Sie sich da wieder?

 Anna Vinnitskaya (lacht): Über mein Erscheinungsbild habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich versuche mich völlig in die Musik zu vertiefen – und ob ich dabei wie ein Tier wirke, ist mir vollkommen egal.

 Auf jeden Fall scheinen Sie dabei dem Löwen Ihres Sternzeichens sehr nahe zu kommen, wenn wir den Kritikern glauben, die gern den „kraftvollen Anschlag“ und das zupackende Moment betonen – machen Sie ein spezielles Krafttraining?

 Ich esse ganz gut, das muss ich zugeben – doch ins Fitnessstudio gehe ich nicht, um meine Finger zu trainieren. Aber natürlich lege ich etwa bei einer Brahms-Sonate oder einem Prokofjew-Konzert viel physische Kraft in mein Spiel – bei Bach oder Beethoven hingegen mehr mentale Kraft.

 Ist das die gern bemühte „russische Schule“, die wir da in Ihrem Anschlag hören?

 Die sogenannte russische Schule existiert heute nicht mehr, denn viele Professoren sind schon zu Sowjetzeiten ins Ausland gegangen. Allerdings hatte ich einen sehr guten Professor in Rostov, der mir noch diese ganze russische Basis beigebracht hat …

 Sie sprechen von den technischen Grundlagen…

 Ja, die Basis. Wir haben etwa viel Zeit verwandt auf die zahlreichen verschiedenen Farben, die sich durch einen unterschiedlichen Anschlag erzeugen lassen, und er hat mir diese vielen verschiedenen Anschlagsarten gezeigt mit dem Ziel, das „Schlaginstrument“ Klavier zum Singen zu bringen. Und für diese „russische Schule“ bin ich ihm sehr dankbar.

 Ihren ersten Klavierunterricht haben Sie als Sechsjährige bekommen – ganz freiwillig?

 Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich eine Pianistin werden möchte. Meine beiden Eltern sind Pianisten, mein Opa war Dirigent, mein Onkel ein erfolgreicher Geiger, Preisträger des renommierten Tschaikowsky-Wettbewerbs – Musik hat seit meiner Geburt einfach zu meinem Leben dazu gehört.

 In den ersten sechs Jahren in Russland hat Ihre Mutter Sie unterrichtet – klappte das immer reibungslos?

 Nein. Wie alle Kinder war auch ich sehr, sehr trotzig – sie hat gesagt, ich müsse es so machen und ich habe es anders gemacht. Es kam schon sehr oft zu Konflikten, zumal dann auch noch mein Vater dazukam, der viel Jazz gespielt hat und mir auch noch Improvisation und Jazz beibringen wollte. Da habe ich aber gesagt: Schluss jetzt, mir reicht das andere schon!

 War solch ein Pianisten-Elternhaus eher ein Ansporn oder eine Last?

 Es war schon eine Belastung, die aber nötig war in dieser Zeit – denn ohne diese Last hätte ich heute nicht diese pianistische Basis und solch ein breites Repertoire in meinen Händen und meinem Kopf. Dadurch musste ich als 18-Jährige mich kaum noch mit Technik am Klavier plagen, sondern konnte viel mehr in die geistige Arbeit an neuen Werken investieren.

 Als 18-Jährige sind Sie nach Deutschland gegangen – damals für Sie ein völlig fremdes Land, dessen Sprache Sie überhaupt nicht beherrschten…

 Ja, die ersten zwei Jahre in Deutschland waren die schwierigsten meines Lebens. Ganz allein in der Fremde, ohne die Sprache zu beherrschen, ohne Eltern – ja, ich hatte furchtbares Heimweh …

 Gab es Momente, wo Sie am liebsten alles hingeschmissen hätten?

 Oh ja. Ich bin an der Hochschule ziemlich schnell vom zweiten ins achte Semester gesprungen und da habe ich gedacht: Jetzt mache ich meine Abschlussprüfung und fahre nach Hause. Aber dann bin ich meinem Professor begegnet …

 Sie sprechen von Evgeni Koroliov …

 Ich habe bei ihm gelernt, die Musik zu lieben und aus dem Bauch zu spielen. Jede Note nicht irgendwie und für sich zu spielen, sondern in jeder Note in jedem Moment dabei zu sein. Nicht einfach nur ein Stück richtig zu spielen in puncto Technik und Dynamik, sondern sich selbst und dem Publikum damit etwas zu sagen.