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Kultur Wenn Genscher im Grab rotiert
Nachrichten Kultur Wenn Genscher im Grab rotiert
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17:48 06.02.2020
Von Beate Jänicke
Starke Bühnenpräsenz auch mit Bällen: Christoph Sieber im Metro Kino. Quelle: Björn Schaller
Kiel

Also ging es auch um die Wahl des FDP-Mannes Kemmerich zum „Ministerpräsidenten von Höckes Gnaden“. „Eigentlich wollten wir noch die Erklärung von Christian Lindner dazu einblenden“, ätzt Kabarettist Christoph Sieber, „aber die Störgeräusche aus Genscher Grab waren einfach zu laut.“ Wie das eben so ist, wenn einer im Grab rotiert.

Scharfzüngiger und unterhaltsamer Rundumschlag

Zum zweiten Mal gastiert Christoph Sieber in Kiel, und um es gleich vorwegzunehmen, den Mann möchte man dringend öfter hier sehen. Im sehr gut gefüllten Metro-Kino unternahm er einen ebenso scharfzüngigen wie unterhaltsamen Rundumschlag gegen politische und gesellschaftliche Verwerfungen. Zum Protest der Friday-for-Future-Aktivisten spottet er über die Forderung vieler Älterer, die Jugendlichen sollten doch bitteschön nicht während der Schulzeit demonstrieren: „Wann denn sonst? Nachts um drei, auf dem Friedhof von Pusemuckel?“ Bei aufkommendem Gesinnungsapplaus schickt er gleich mal eine Spitze ans Publikum hinterher: „Ins Kabarett gehen, ist noch lange kein Widerstand!“

Solidarität als "Toast Hawaii unter den Wetten"

Dass der aber gefragt ist in heutigen Zeiten, daran lässt der in Köln lebende Satiriker, der schon etliche Kabarettpreise einheimste und mit dem Kollegen Tobias Mann eine eigene Satire-Latenight-Show im ZDF betreibt („Mann, Sieber!“), keinen Zweifel. Es mangele heute an Solidarität. Einer unserer vielbeschworenen Werte, leider sei der vergessen in der heutigen neoliberalen Leistungsgesellschaft. Solidarität sei der „Toast Hawaii unter den Werten“, lästert Sieber. Überhaupt sei die Sache mit der Leistungsgesellschaft doch sehr fragwürdig: „Wenn Reichtum durch Leistung erklärbar wäre, gäbe es sehr viele, sehr reiche Paketzusteller.“

Mimisch und körperlich komische Präsenz

Mit spielerischer Leichtigkeit serviert Sieber seine Spitzen. Dass er einst an der Folkwang-Schule in Essen Pantomime studierte, merkt man seiner auch mimisch und körperlich komischen Präsenz deutlich an. Immer wieder macht er ein entgeistertes Gesicht, als könne er selbst nicht recht glauben, was er da alles an Ungeheuerlichkeiten so präsentiere. Auch die Medien bekommen in seinen temporeichen Einlässen ihr Fett weg. Wenn sie, versessen auf immer neue Aufreger, News aufbauschten, die keine sind. Etwa die von der, von manchen verkündete, Islamisierung Deutschlands: „Die Islamisierung fällt aus“, versetzt Sieber, „dabei hatte ich schon fünf Burkas besorgt - für die Familie.“

Das Motto heißt "Mensch bleiben"

Zwischen die Stand-up-Nummern streut Christoph Sieber auch mal kleine Spielszenen. Wie die mit dem protzigen Typen im weißen Sakko, der so gerne „Charity“ macht bei „Scampi essen für Afrika“. Den zeigt er so jovial wie brutal in seiner Ignoranz, dass man sich an die Kunst des großen Gerhard Polt erinnert fühlt. Aber auch sich selbst schont Sieber nicht. Auch das Kabarett verdiene schließlich an schlechten Nachrichten, und auch seine eigene Konsequenz lasse durchaus mal zu wünschen übrig. Zum Schluss empfiehlt er den begeisterten Zuschauern – gerade an einem „historischen Tag wie heute“ – das Motto seines Programms: „Mensch bleiben!“

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