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Kultur Held ohne Heldentaten
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10:33 07.03.2020
Von Sabine Tholund
Einfühlsam verschmitzt: Tadeusz Galia spielt den Mann, der sich nicht unterkriegen lassen will. Quelle: Jens Böke
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Kiel

Das Stück von Bengt Ahlfors hätte aufgrund seiner Thematik auch sehr düster ausfallen können (Regie: Jutta Ziemke). Denn Einsamkeit im Alter ist eine traurige Sache.

Der namenlose Alte in dem Stück des finnischen Autors hat keine Menschenseele, mit der er reden kann. Doch er weiß sich zu helfen: Nach dem Tod der Mutter macht er seinen Hund zum Gesprächspartner – und seit der nicht mehr ist, spricht er mit dem Lift, der ihn seit frühester Kindheit in den siebten Stock seines Wohnhauses trägt. In seinem Monolog blickt er zurück auf ein Leben ohne nennenswerte Höhepunkte. Bei Tadeusz Galia tut er dies mit einem Lächeln im Knopfloch, mal spitzbübisch, mal wehmütig oder verträumt. Er ist einer, der sein tristes Schicksal zu meistern versteht – ein Held ohne Heldentaten quasi.

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Einer, der sich nicht unterkriegen lassen will

Schwärmerisch schweift sein Blick in die Ferne, wenn er von Grace Kelly erzählt, die er über ihren Tod hinaus verehrt. Die Schöne, Unerreichbare – kaum jemand war von der glamourösen Diva wohl je weiter entfernt als dieser Fan. Beinahe körperlich schmerzt es, mit anzusehen, wenn er Parallelen zwischen seinem und ihrem Leben zu ziehen versucht, weil beide am selben Tag geboren wurden. „Das kann kein Zufall sein“, sagt er dann vielsagend und lugt schlau über den Rand seiner Brille.

Nein, dieser Mann will sich partout nicht unterkriegen lassen. Und wenn er doch einmal droht, traurig zu werden, etwa wenn er sich den Tod seines Hundes ins Gedächtnis ruft, bricht er den Satz mit einer wegwerfenden Geste ab. Lieber nach vorn schauen. Negative Erinnerungen wie die an Matti aus dem fünften Stock, der ihn in Kindertagen drangsalierte, präsentiert er mit Entrüstung. Bloß nicht Opfer sein.

Die Bühne als Schwarzes Loch

Die triste Ebene der so farbig präsentierten Erzählung spiegelt sich in der Bühne (Tadeusz Galia). Sie ist ein schwarzes Loch. Zwischen Tisch und Stuhl am rechten Rand und einem wunderbar nachgebauten, schwarz vergitterten Lift zur Linken tigert Galia hin und her. Oder er steht kerzengerade da, grummelt, kichert, schwelgt, die Hände hinter dem Rücken gekreuzt oder tief in den Hosentaschen vergraben. Dabei wendet er sich immer direkt an die Zuschauer. Dass er hier einen Monolog aufführt, thematisiert er von Anfang an, fragt irgendwann besorgt, ob denn alle mitkommen, und dass es bei dieser Theaterform nicht leicht sei, sich die Aufmerksamkeit des Publikums zu sichern: „Wenn man zu langsam spricht, langweilen sich die Schlauen.“

Am Ende ganz still

Auch das Setzen von Pausen wolle gekonnt sein, räumt Galia nach einem längeren, sehr nachdenklichen Moment des Innehaltens ein, in dem es ganz still geworden war im Publikum. Manch einer könnte bei so einer Pause denken, der Erzähler sei eingeschlafen, sagt er; andere könnten selbst einnicken. Kein Grund zur Sorge. Bei diesem berührenden, humorvollen und einfühlsam präsentierten Monolog blieben alle Zuschauer hellwach.

Bis 30. April, jeweils Do, Fr, Sbd, 20 Uhr. Kartentel. 0431/804099, www.polnisches-theater-kiel.de