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Kultur Poros: Gestörtes Gleichgewicht
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18:06 20.03.2019
Von Jürgen Gahre
Poros an der Komischen Oper Berlin. Quelle: Monika Rittershaus
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Berlin

Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, hat den Altmeister Harry Kupfer, dem langjährigen Chefregisseur seines Hauses (von 1981 bis 2002), die freie Wahl des Werkes gelassen, um ihm eine Rückkehr an sein Stammhaus zu ermöglichen. Er entschied sich für Georg Friedrich Händels 1731 in London uraufgeführte Opera seria „Poro, Re dell'Indie“, die er bereits als Student kennen gelernt und in Halle seinerzeit als Regieassistent von Heinz Rückert erarbeitet hatte. Seine spontane Entscheidung für diese Oper hat wohl auch eine Menge mit Nostalgie und Retrophilie zu tun.

Die damals weitgehend unbekannten Händel-Opern wurden in deutscher Übersetzung gespielt und die Arien sogar in einer Durchtextierung (also ohne Wortwiederholungen) gesungen. Für die Komische Oper hat der 1935 in Berlin geborene Harry Kupfer auch jetzt wieder eine solche Fassung erarbeiten lassen, hat also die inzwischen selbstverständlich gewordenen internationalen Gepflogenheiten, die Händel-Opern im italienischen Original zu spielen, ignoriert und nennt die Oper "Poros".

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Aus Cleofide wurde Mahamaya, aus Erissena Nimbavati

Herausgekommen sind Verse, die sich so manches Mal reiben mit der Melodie und dem allgemeinen Fluss der Musik. Um indisches Kolorit zu schaffen, hat Kupfer sogar die Namen geändert: Aus Cleofide wurde Mahamaya, aus Erissena Nimbavati, aus Gandarte Gandharta und so weiter. Und Alessandro (Alexander der Große) wurde kurzerhand in Sir Alexander umbenannt. Das war notwendig, weil Kupfer die Handlung um den makedonischen Erobererkönig vom vierten vorchristlichen Jahrhundert in die Zeit des britischen Imperialismus verlegt hat, als Indien von Großbritannien erobert wurde.

Entsprechend exotisch ist das von Hans Schavernoch gestaltete Bühnenbild ausgefallen, das fast während der gesamten Oper aus wildem, undurchdringlichem Dschungel besteht. Eine große Buddha-Figur sorgt für ein wenig Abwechslung von der üppigen Urwaldvegetation und bietet den auftretenden Personen eine malerische Kulisse. Die Engländer treten in hellbraunen Uniformen mit den für die damalige Zeit typischen Tropenhelmen auf, während die Inder in weiten, bunten Gewändern erscheinen. Da Händels Musik aber nirgendwo exotisch oder indisch klingt, erscheint ein solcher Realismus fragwürdig.

Dirigent Jörg Halubek erstmals an der Komischen Oper Berlin

Noch fragwürdiger aber ist es, dass die Partie des Titelhelden, für die Händel den Altkastraten Senesino gewinnen konnte, hier von einem Bariton, von Dominik Köninger gesungen wird. Das stört natürlich das fein austarierte Gleichgewicht der Stimmen erheblich. Hinzu kommt, dass Alessandro 1731 eine Tenorrolle war, Sir Alexander aber von Eric Jurenas, einem Countertenor interpretiert wird. Die armenische Sopranistin Ruzan Mantashyan ist als Mahamaya, Idunnu Münch als Nimbavati und Philipp Meierhöfer als Gandharta zu hören.

Für den Dirigenten Jörg Halubek ist dies der erste Auftritt an der Komischen Oper Berlin. Er gilt zwar als Spezialist für Alte Musik, kann aber mit "Poros" eher weniger überzeugen. Er führt das Orchester der Komischen Oper, das durch einige historische Instrumente ergänzt ist, reichlich gemächlich durch die Partitur, verzichtet also weitgehend auf Drive und dramatische Zuspitzungen. Er pflegt einen teils leichtfüßigen, teils noblen Stil, der auf die Dauer langweilig wirkt. Das Premierenpublikum bedachte die Regielegende Harry Kupfer und alle Mitwirkenden dennoch mit freundlichem Applaus.

Weitere Aufführungen: 29. März, 13. und 20. April, 4. Mai und 25. Juni 2019.

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