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Kultur Kafka als deutsch-russisches Doppel
Nachrichten Kultur Kafka als deutsch-russisches Doppel
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20:02 20.04.2018
Von Ruth Bender
Leben in zwei Versionen: Anke Pfletschinger vor der Projektion des Affen. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Anke Pfletschinger braucht keine Schminke, um Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie" im Theater Die Komödianten zu zeigen, den Affen, der es in die Menschengesellschaft geschafft hat. Und sie braucht auch keine der typischen Laute und nur wenig vom äffischen Bewegungsklischee. Das Andere, Fremde zeigt sich in den kleinen Gesten des differenzierten Spiels. Wie sie hinterm Pult hängt und ihr immer wieder die gerade Haltung verrutscht. Oder wenn sie wie von selbst in die Knie geht und eifrig ihre Geschichte erzählt.

Reden, oh ja, das kann sie, gewählt, gedehnt, manchmal berauscht von der eigenen Vortragskunst. So berichtet sie von den Schüssen und der Reise von Ghana nach Hamburg. Von den Lehrstunden an Bord vom Handschlag bis zur Schnapsflasche und der Entscheidung, dem Varieté den Vorzug zu geben vor dem Zoo: „Der hätte nur wieder Käfig bedeutet“.

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Artjom Terjochin, Gastregisseur aus dem Partnertheater Sovetsk, hat Kafkas vieldeutigen Text intensiv minimalistisch inszeniert, knapp eine Schulstunde lang. Aber immer ist da etwas im Bild, das stört. Ein Auftritt wie leicht aus der Spur. Und während sich die Schauspielerin müht, den Affen in sich zu löschen, steht er auf der Leinwand in der Bilderbuch-Animation der jungen Moskauer Illustratorin Anna Gantimurova als fröhlich-nachdenklicher Wiedergänger auf.

So entsteht auf der Bühne die melancholische Doppelbelichtung eines ewigen Außenseiters, der weder hier noch dort ganz dazu gehört, und ein leises, sehr menschliches Plädoyer dafür, dem Fremden seinen Raum zu lassen.

Das mit viel Stadtprominenz besetzte Premierenpublikum zog das spürbar in Bann. Ein spannender Auftakt in der Theaterpartnerschaft, die Ivan Dentler im Herbst als Gastregisseur in Sovetsk fortsetzen wird.

Sonnabend, 21. April, 20 Uhr, im Theater Die Komödianten. Weitere Vorstellungen: 11., 12., 18., 19. Mai. Karten unter Tel. 0431/553401, www.komoedianten.com

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