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Kultur Spurensuche zum Matrosenaufstand
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11:54 26.03.2018
Von Ruth Bender
Blättern sich durch die Geschichte: Matisek Brockhues, Tom Keller und Eirik Behrendt (v. li.). Quelle: Olaf Struck
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Kiel

Sie könnten auch einer Geschichte Kafkas entsprungen sein, die drei Männer, wie sie da im Schauspielhaus-Studio in Akten und dicken Wälzern blättern. So verwechselbar in ihren uniformen Anzügen und mit dieser Mischung aus Gedankenverlorenheit und Konzentration, mit der sie über der fernen Materie brüten.

Erstmal ist die Rede von einer „physischen und psychischen Erschöpfung unseres Volkes“, das genug hatte von dem zehrenden Krieg zwischen 1914 und 1918. Dazu klingt leise das pathetisch-heroische Flaggenlied des Kaiserreichs, legen sich die Stimmen übereinander zum Raunen und Summen der Geschichte.

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Sinnleerer Drill an Bord

Daraus lässt die Regisseurin Bilder, Worte, Einschätzungen entstehen. Vom sinnleeren Drill an Bord, mit dem die Matrosen der kaiserlichen Flotte das Warten füllen, während in den Ardennen und an der Somme der Krieg tobt. Von Alkoholexzessen, menschenverachtender Schikane und dem Hunger, der sich im dritten Kriegsjahr auf den Schiffen breitmacht. Wie mancher Offizier den wachsenden Unmut darüber als „mangelnde Gesinnung“ ummünzt. Aber auch, wie sich der Blick 1926 im parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Weimarer Republik gewandelt hat.

Matisek Brockhues, Eirik Behrendt und Tom Keller wechseln auf dem schlichten mehrstufigen Podest, das Sibylle Meier ins Studio gebaut hat, so bruchlos durch die Rollen und Erzählebenen, als folgten sie ihren Assoziationen. Sie stecken mittendrin im Geschehen, schauen im Rückblick darauf oder werden eingespielt als Aufnahme einer späteren politischen Diskussion.

Der Abend folgt keiner Chronologie

Der Abend folgt keiner Chronologie, springt zurück zum Kriegsbeginn, den der patriotische Stumpf noch abenteuerlässig so beschreibt: „Für uns war es mehr eine Art Sportfest.“ Und wieder vor in die Hitze der Auseinandersetzung im parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der dem Desaster und der Schuld des Krieges nachspürte.

Da erscheint die Marine als Spiegel einer gespaltenen Gesellschaft, hört man die brutalen Todesurteile, mit denen Admiral Scheer glaubte, der „Seuche“ des Aufruhrs Herr werden zu können, und den letzten Brief des jungen Max Reichpietsch, der als einer von zweien der Verurteilten 1917 wegen Meuterei hingerichtet wurde.

Regisseurin Anne Spaeter arbeitet mit minimalistischen Mitteln

Wie Fundstücke baut Anne Spaeter Episoden und Einschätzungen zusammen und ineinander, macht mit minimalistischem Spiel und reduzierten Mitteln Geschichte lebendig. Und im Gespinst der Tonlagen und Reflexionsebenen entsteht aus Sprache und Sounds, die das Trio auf Blechkisten, Mundharmonika und Maultrommel beisteuert, ein Wogen der Stimmungen, ein Rhythmus, der unaufhaltsam in den Aufstand treibt.

Anders als im Vorgänger "Endlich, endlich, endlich Seeschlacht", der sich auf die Matrosen Stumpf und Linke konzentriert, ist dies eine Spurensuche in vielen Stimmen. So entsteht eine hoch verdichtete Collage, die den Matrosenaufstand keineswegs als spontane Unmutsäußerung zeigt, sondern als Konsequenz einer Entwicklung. Endpunkt und Aufbruch zugleich. Am Ende marschieren die Matrosen in Kiel ein, um ihre verhafteten Kameraden zu befreien.

Studio im Schauspielhaus. Weitere Termine, 29. März, 20. April, 13. Mai, 3. Juni. Kartentel. 0431/901901, www.deichart.de

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