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Kultur Die Dinge beim Namen nennen
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10:49 20.02.2019
Von Thomas Richter
Foto: "Messer in Hennen" feierte Premiere an der Schule für Schauspiel.
"Messer in Hennen" feierte Premiere an der Schule für Schauspiel. Quelle: KN (Archiv)
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Kiel

Es war einmal ein Dorf, in dem sich die Bewohner durch Aberglauben, Gottesfurcht, üble Gerüchte und einen selbstvergessenen Arbeitsethos von der Außenwelt abschotten. Der Pflüger William (Corbin Broders) ist ein grober Kerl, der scheinbar echte Gefühle nur für seine Ponys empfinden kann. Seine junge Frau (Oleksandra Zapolska) „gebraucht“ er lediglich zur Pflichterfüllung.

Sei es auf dem Feld oder im Ehebett. Er weiß es halt nicht besser. Aber die Frau ist neugierig, will ihre Welt erkennen, will Gott in dieser Welt erkennen. Sie sagt:   „Seine Welt ist da, vor meinen Augen. Ich muss nur die Namen hineinstoßen, in das, was da ist, so wie ich mein Messer in den Magen einer Henne stoße.“

Erweckung führt in eine Katastrophe

Es kommt der Tag, da schickt sie ihr Mann zu dem Müller Gilbert Horn (Arne Berner) um Teile die Getreideernte malen zu lassen. Horn, den die Dorfbewohner anfeinden, um den sie üble Geschichten stricken, der wie ein Eremit in seiner Mühle haust, kann lesen und schreiben.

Widerwillig und verängstigt nähert sich die Frau dem vermeintlich Gottlosen. Doch der schleicht sich wie ein Gift in ihren Verstand.  Er erweckt ihren Zweifel, fördert ihre Neugier, bringt sie zum Schreiben, dazu, den Dingen einen Namen zu geben.  Diese Form der Erweckung endet allerdings in einer Katastrophe.

Der aufgeklärte Mensch gibt der Welt eine Bedeutung

Denn – das ist das perfide an Harrowers 1995 uraufgeführten, mehrfach preisgekrönten Erstling - die Befreiung aus der geistigen und seelischen Dunkelheit verdankt die Frau eben nicht Gott, dem Schöpfer „ ... der alles in den Kopf tut.“   Am Ende des Weges steht die unbequeme Wahrheit, dass der aufgeklärte Mensch selber durch seine Sprache der Welt eine Bedeutung gibt.

Die Premierenbesetzung (die weiteren Vorstellungen werden mit wechselnden Besetzungen aufgeführt) fesselt durch ein sehr konzentriertes, facettenreiches Spiel. Die Figuren werden weder denunziert noch erhöht, sondern vielmehr gleichermaßen als Opfer und Täter definiert, die um ihre eigene „Wahrheit“ ringen. Eine reife Leistung. 

Messer in Hennen: Charmanter Kniff am Schluss

Ein charmanter Kniff gelingt Brockhues übrigens ganz am Ende des Stücks, als ins Black hinein der Beatles-Song Blackbird erklingt. Es geht darin um das Emanzipationsbegehren einer afroamerikanischen Frau während der US-Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren. Aber das Lied ist gleichzeitig auch der Titel eines späteren Stücks von Harrower.