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Kultur Prinzen-Sänger Krumbiegel: „Meine Vision war, mit Reformen die DDR von innen zu verändern“
Nachrichten Kultur Prinzen-Sänger Krumbiegel: „Meine Vision war, mit Reformen die DDR von innen zu verändern“
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11:02 30.10.2019
Sebastian Krumbiegel, Sänger der Band Die Prinzen, setzt sich auch heute noch für eine offene und freue Demokratie ein. Quelle: Hendrik Schmidt/zb/dpa

„Ich war nicht dabei“, erinnert sich Sebastian Krumbiegel an den 9. Oktober 1989. Damals gingen in Leipzig 70.000 Menschen bei der Montagsdemonstration auf die Straße, riefen „Wir sind das Volk!“ und „Keine Gewalt!“. Die Sicherheitskräfte schritten nicht, wie befürchtet, ein.

Und das – genau einen Monat vor dem Fall der Mauer in Berlin – galt fortan als erster großer Sieg der friedlichen Revolution. „Ich war zu feige“, sagt der 1966 geborene Sänger. „Ich war in der Woche zuvor demonstrieren und habe gesehen, wie die Polizei umgesprungen ist mit friedlichen Demonstranten. Das hat mir Angst gemacht. Es lag ein Blutbad in der Luft. Und dass es kam, wie es dann kam, das kommt mir noch heute wie ein Wunder vor.“

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Ein Wunder allerdings, das anders weiterging, als viele es hofften in der DDR. „Ich wollte nicht weg, ich wollte hierbleiben. Meine Vision war, mit Reformen die DDR von innen zu verändern, sie zu einem lebenswerten Staat zu machen“, sagt Krumbiegel. „Im Herbst 1989 heiratete mein Bruder Martin. Ich weiß noch genau, dass sich beinahe alle Gespräche um Politik drehten. Und ich weiß auch noch, dass Freunde, die etwas verändern, bewegen, verbessern wollten, erzählten, sie seien frisch in die SED eingetreten, um diese Veränderungen voranzubringen.“

Soundtrack zum Traum von der Einheit

Ein Jahr später hatte die DDR aufgehört zu existieren. Der ehemalige Sänger des Thomanerchors Leipzig, der Junge mit der Igelfrisur und den gewagten Leggings, feierte zunehmend regionale Erfolge mit der Band Die Herzbuben. Die Zeichen standen auf Euphorie, darauf, dass tatsächlich zusammenwüchse, was zusammengehörte. Und für Krumbiegel standen sie auf Erfolg.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

1991 brachte der Musikverleger George Gluck Die Herzbuben mit der Produzentin Annette Humpe zusammen. Weil gerade die Wildecker Herzbuben verblüffende Triumphe feierten, tauften Krumbiegel, Tobias Künzel, Wolfgang Lenk, Jens Sembdner, Henri Schmidt und Alexander Zieme ihr Musikkombinat in Die Prinzen um – und Gesamtdeutschland hatte den Soundtrack zum Traum von der Einheit.

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Nach Party klang dieser Soundtrack, nach Spaß, ironisch zwar, augenzwinkernd, auch etwas melancholisch. Die Texte waren nicht unkritisch, aber optimistisch: „Gabi und Klaus“, „Millionär“, „Ich will dich haben“, „Mein bester Freund“, alles aus Krumbiegels Feder, vereinten sich auf dem ersten Prinzen-Album mit anderen zu „Das Leben ist grausam“ und gingen durch die Decke:

Das Album wurde mehr als eine Million Mal verkauft, Krumbiegel und die anderen Prinzen waren Stars. Und zwar Oststars. Im Westen genossen sie so etwas wie Exotenstatus. Die Outfits der Galionsfiguren Krumbiegel und Künzel und, mehr noch, die Qualität des mehrstimmigen Gesangs und der hieb- und stichfest gesetzten Arrangements, das war schon ziemlich einzigartig.

Die jungen Prinzen: Sebastian Krumbiegel (v.l.), Jens Sembdner, Wolfgang Lenk, Henri Schmidt und Tobias Künzel im Jahr 1997. Quelle: imago/Michael Westermann

Das Politische der Herzbuben trat einstweilen in die zweite Reihe. Mit gefurchter Stirn zitiert Krumbiegel Songs aus der Zeit der sterbenden DDR: „Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, fühl’ ich mich so alleine. Dann bin ich um den Schlaf gebracht, genau wie Heinrich Heine.“ „Das war Ende der Achtziger nicht ohne Risiko“, sagt er. „Aber dann, als die Prinzen durchstarteten, hatten wir das Gefühl, dass keiner mehr politische Botschaften auf Teufel komm raus brauchte. Alles war chic, wir hatten demokratische Grundrechte, der Rest würde sich fügen.“

Er fügte sich nicht. Bald brannten die Asylbewerberunterkünfte, und in Solingen, Mölln, Hoyerswerda und Rostock skandierte ein rechter Mob „Ausländer raus!“ und „Deutschland den Deutschen!“. Die Prinzen bezogen Stellung, produzierten „Bombe“. Krumbiegel erinnert sich: „Wir liefen durch Hamburg, und die Leute riefen mir hinterher: Danke für ,Bombe’. Das war ein gutes Gefühl – als Verräter oder Pop-Fuzzi wurde ich damals allerdings auch schon beschimpft.“

Rechts, das ist ausgrenzend, rassistisch, homophob. Rechts, das ist scheiße.

Sebastian Krumbiegel

Was nichts daran geändert hat, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt Krumbiegel der (Solo-)Künstler wurde, der er noch heute ist. Und er ist Humanist und Philanthrop und weiß, wo er steht: „Rechts, das ist ausgrenzend, rassistisch, homophob. Rechts, das ist scheiße. Das war früher auch nicht anders. Dass Die Prinzen gegen Nazis waren, dass Annette Humpe gegen Nazis war, dass unsere künstlerischen wie persönlichen Freunde gegen Nazis waren, daran konnte im Ernst niemand je zweifeln“, sagt er.

Bei dem Sänger ohnehin nicht. Wo es heißt, sich für eine offene und pluralistische demokratische Gesellschaft einzusetzen, da ist er dabei. Er hat ein Buch zum Thema „Haltung zeigen“ geschrieben, zieht als politischer Aufklärer durch die Schulen, und er hat mit dem Leipziger Festival „Courage zeigen!“ Tausende erreicht.

Mittlerweile sieht er auch die Spitze des Bundeslandes auf der richtigen Seite: „Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bezeichnet sich selbst als einen extrem konservativen Menschen und tickt politisch bestimmt sehr anders als ich. Und doch ist er der erste Ministerpräsident des Freistaats, der einräumt, dass sein Land ein Nazi-Problem hat, und der versucht, etwas dagegen zu unternehmen.“

Mittlerweile sei die neue Generation der Neonazis exzellent vernetzt in Parlamente, Justiz, Polizei eingesickert. Sie habe als Gegenbewegung zu den 68ern ihren Marsch durch die Institutionen begonnen, sagt Krumbiegel und warnt: „Wenn es nicht gelingt, den zu stoppen, sieht es schlecht aus für unsere Demokratie.“ Darum ist für ihn klar: „Wer Demokrat ist, muss Antifaschist sein.“ Aber ebenso klar ist: „Ich bin gegen Gewalt. Gegen jede Gewalt. Ganz gleich, ob sie von links kommt oder von rechts.“

Ich bin kein Extremist, sondern ein Radikaler.

Sebastian Krumbiegel

Der Sänger weiß das Gemeinwesen zu schätzen, in das er vor knapp 30 Jahren hineingeraten ist: „Ich bin totaler Grundgesetzfan, uneingeschränkter Verfassungspatriot.“ Die Fundamente des Humanismus zu stärken ist das Ziel von so ziemlich allem, was Krumbiegel treibt. Er ist umgänglich, er ist witzig, unterhaltsam, charmant, trinkt gern einen, hat mit Allüren nichts zu schaffen, ist aber auch nicht zum Lästern zu bewegen.

„Wenn ich Menschen überzeugen will, dann gelingt das niemals durch Ausgrenzung oder Zuspitzung. Ich bin kein Extremist, sondern ein Radikaler. Im engsten Wortsinne. Das kommt vom lateinischen Radix, was Wurzel bedeutet. Ich möchte also mit Argumenten zu den Wurzeln des Übels vordringen. Und das geht nur, wenn ich mein jeweiliges Gegenüber ernst nehme.“ Das ist schwer, manchmal scheint es unmöglich. Aber das ist Humanismus.

Es ist jener Humanismus, der sich auch in Krumbiegels aktuellem Song widerspiegelt. „Die Demokratie ist weiblich“ heißt er, und während wir dieses Gespräch führen, klingelt immer wieder sein Handy. Mousse T. und Götz Alsmann, Udo Lindenberg und Iris Berben, Christian Wulff und viele andere sind gern dabei und stehen für den Videodreh dieses Herzens- und Bekenntnislieds bereit. Die Prinzen allerdings singen es nicht auf ihrer aktuellen Tour. Krumbiegel findet das schade – „aber es wird auch so seinen Weg machen. Vielleicht – hoffentlich – etwas bewegen in diesem oder jenem Kopf.“

30 Jahre nach den Veränderungen, die nicht alles gut gemacht haben, aber doch ziemlich vieles besser, sagt Krumbiegel: „Mein Traum von Deutschland ist, dass alle Demokraten, alle Humanisten, alle Menschenfreunde aufstehen, zusammenhalten, die Stimme erheben. Denn nur so können wir unsere Demokratie schützen und die Werte, für die sie steht.“

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