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Kultur Entzündet an der alten Familienkiste
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06:49 06.01.2019
Von Beate Jänicke
Rainer Lemor mit einem Leuchter aus Familienbesitz, entstanden um 1900, stattliche 62 cm hoch und 2,2 kg schwer.  Quelle: Björn Schaller
Heikendorf

Als kleiner Junge hat sich Rainer Lemor manches Mal in der Silberwarenfabrik seiner Familie in Breslau umgetan. Nur die großen Becken, in denen versilbert und vergoldet wurde, waren für ihn tabu. „Da durfte ich nicht ran, ich hätte ja reinfallen können“, erinnert sich der heute 81-Jährige noch gut. Auch daran, dass er merkwürdige Plättchen auf dem Boden fand, gestanzte Scheiben zur Herstellung von Munitionshülsen, wie sich später herausstellte. Denn der Betrieb musste während der Zeit des Nationalsozialismus Rüstungsaufträge erfüllen. Das war vorher anders. Lemor-Silber war in Deutschland und auch darüber hinaus bestens bekannt. Korpuswaren wie Girandolen, Flachwaren wie Tabletts, Kleinwaren wie Zuckerdosen und vor allem feines Silberbesteck produzierte man in einer der größten Silberwarenfabriken Deutschlands.

Auf Görlitz folgt Breslau

Zu einem späteren Zeitpunkt wandert die Schau weiter nach Wrocław, dem früheren Breslau. „In Polen ist das Interesse an der Geschichte inzwischen fast größer als bei uns“, freut sich Rainer Lemor. Für sein Engagement wurde er als verdienter Förderer des Schlesischen Museums zu Görlitz Anfang November dort geehrt. Er selbst verließ als Kind Breslau, flüchtete 1945 mit Mutter und Bruder über mehrere Stationen ins Weserbergland. Später kam die Familie nach Kiel, wo Rainer Lemor sein Abitur machte, sein Studium aufnahm, später promovierte und bis zum Ruhestand als Banker bei der Landesbank arbeitete.

Kleiner Familienschatz aus dem Osten

Sein Vater, Walter Lemor, kehrte nicht aus dem Krieg zurück. Vom „häuslichen Silber“ hatte die Mutter eine Kiste zu Verwandten in den Westen schicken können. Darunter eine Schale der Mitarbeiter zur Hochzeit der Eltern und auch eine am Rand versilberte Vase zur Geburt des ersten Sohnes – der Sohn war Rainer Lemor. Die Schale und Vase sind erhalten geblieben. Einiges andere sei eingeschmolzen worden, um damals irgendwie über die Runden zu kommen. Der Kompagnon des Vaters, Hans-Ulrich Lemor, versuchte nach dem Krieg einen Neustart des Familienbetriebs in Heidelberg, der aber später eingestellt wurde.

Grundstock der Sammlung

„Die Kiste mit dem Familiensilber bildete den Grundstock der Sammlung“, so Rainer Lemor. Eine erste Ausstellung 1993 im Haus Schlesien in Königswinter wurde ein großer Erfolg. Einen weiteren Anstoß zum Sammeln und Nachforschen gab aber auch der Familienname: „Ich war beruflich viel unterwegs und wurde immer wieder auf den Namen Lemor angesprochen?“ Schon bald war er bekannt dafür, die angebotenen Sachen zu kaufen. „Da gingen die Preise nach oben“, sagt Lemor lachend.

Umfangreiche Recherchen

Die vielen Recherchen, die Rainer Lemor unternahm, gestalteten sich oft kompliziert. Dokumente fehlten, Archive waren im Krieg vernichtet worden. Nur Echtsilber fand Eingang in die Sammlung. Er stöberte in Antiquitätenhandlungen, auf Auktionen. Auch seine Kinder sind begeistert von dem, was ihr Vater über die Historie der Familie und Firma herausgefunden hat, und über die Sammlung, die er zusammengetragen hat.

Massive Schwere typisch

Ist denn etwas typisch für das Lemor-Silber, das mit der Punze JAL - für Johann Adam Lemor – oder dem Zeichen LEMOR gekennzeichnet ist? „Schwer zu sagen“, meint Rainer Lemor, „vielleicht das Massive, Schwere.“ Ihm persönlich gefallen am besten die Art-déco-Stücke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren klaren und eleganten Formen, die unserem heutigen Zeitgeschmack am nächsten stehen. Gesammelt hat er dennoch alle Stilrichtungen. Doch jetzt – mit der Übergabe der „Sammlung Rainer Lemor“ an das Schlesische Museum zu Görlitz – sei Schluss damit. Aber wenn ihm nun doch irgendwo ein spannendes Teil begegnet? Da zuckt Rainer Lemor mit den Schultern. Eventuell könnte er noch mal schwach werden.

www.schlesisches-museum.de

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