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Kultur Wolfgang Trepper in der Halle 400
Nachrichten Kultur Wolfgang Trepper in der Halle 400
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14:28 16.06.2019
Von Kai-Peter Boysen
Der Kabarettist Wolfgang Trepper beim Auftritt in der Halle 400 in Kiel mit seinem Programm "Trepper kommt". Quelle: kpb:KAI-PETER BOYSEN
Kiel

„Der hier vorne denkt die ganze Zeit „Wann fängt der Arsch endlich an?“ Ich bin schon mittendrin –gleich ist Pause“, erzählt Wolfgang Trepper nach fünf Minuten, in denen er im Publikumsdialog die Atmosphäre, wenn überhaupt nötig, gelockert hat. Die Menschen schätzen den kantigen Wolfgang Trepper, denn wenn er auftritt, wird gnadenlos, wenn auch humoristisch überspitzt, abgerechnet; mit Politikern, Schlagersängern, C-Promis, Sportlern und sonstigen Akteuren im Zwielicht des Zeitgeschehens, die sich durch Dummheit und Rückgratlosigkeit für einen Platz in seinem Programm qualifizieren. Sophia Thomalla? „Eine selten hohle Bratze.“ Die Regierung? „Notfälle.“ Andrea Nahles? „Die hätte wegen Dummheit nicht mal bei Herbert Wehner putzen dürfen!“ Namen und Begriffe aus vergangenen Zeiten erkläre er nicht mehr, „sollen die jungen Leute doch zu Chris Tall gehen, is' mir scheißegal.“

Auch leise Töne

Gefangene macht er also nicht, der Trepper, doch er schießt nicht nur wutschnaubend um sich, sondern hat auch diese introspektiven Momente, die sich auf leisen Pfoten in den Vortrag schleichen. Eben erzählt Trepper noch, dass er als Junge gern ins „Hottentottenland“ gefahren wäre, da sein Vater seinen lautstarken Musikkonsum immer mit den gebrüllten Worten „Wir sind hier nicht bei den Hottentotten!“ kommentiert habe. In das Lachen des Publikums berichtet er dann, dass eben dieser Vater, ein Berg- und Stahlarbeiter, ihm eines Tages auf Nachfrage von seiner Zeit als junger Mensch im Krieg an der Ostfront, in russischer Gefangenschaft und dann als Arbeiter erzählt habe. Von Ängsten vor einem weiteren Kind, („Datt konnte man nich' so planen“), für das das Geld nicht reichen könnte, vom harten Sparen, um mit der Familie in den Schwarzwald fahren zu können („Weißte ja, hat nich' oft geklappt“) und davon, dass er viele Fehler gemacht habe. Da habe Sohn Wolfgang endlich den oft gehörten Satz „Du wirst schon noch merken, watt wichtig ist im Leben“ begriffen.

Demut und Vergnügen

In diesen Minuten ist es mucksmäuschenstill im Publikum, man spürt, dass hier jemand den inneren Kompass justieren und den Blick auf das Wesentliche lenken möchte. „Eigentlich gehört alles zusammen“, ruft er am Ende des Abends, eine Grubenlampe auf dem Tisch vor sich, zur Solidarität unter den Arbeitern auf. Doch da Herz und „Hass“ bei Trepper zusammengehören, hat er vorher natürlich noch TV-Verbrechen wie „Shopping Queen“ oder „Tüll und Tränen“ mit harschen Worten unter dem Gejohle des Publikums fachgerecht zerlegt – sowie Demut und Vergnügen ebenso versiert verknüpft.

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