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Kultur Raritäten in der Karaoke-Bar
Nachrichten Kultur Raritäten in der Karaoke-Bar
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19:40 29.08.2014
Von Oliver Stenzel
Auch im Duett nicht immer gut zu hören: Rocko Schamoni und Rica Blunck. Quelle: Nickolaus
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Kiel

Als Warm-up für King Rocko Schamoni betritt im verhältnismäßig gut besuchten Schloss ein junger Mann mit einer Antilopenmaske den Saal. Er heißt Lambert, setzt sich an den Flügel und spielt Stücke, die in ihrer melancholischen Einfachheit an Erik Satie wie an George Winston, an Nocturnes ebenso wie an Hotellobby-Muzak erinnern. Ab und zu wirft Lambert einen langen Maskenblick ins Publikum, albert am Mikrofon herum oder positioniert seinen Wecker um, der ihm zeigt, wie lange er noch spielen darf. Ingesamt bringt er es auf 20 Minuten, höflichen Applaus und den vorläufigen Ehrentitel „Chilly Gonzales für Bedürfnislose“.

 Das Orchester Mirage, das Rocko Schamoni eigens für die Umsetzung seines durch Crowdfunding finanzierten Projekts Die Vergessenen gegründet hat, setzt danach auf musikalische Opulenz. Im Kern eine klassisch besetzte Band, erreicht es sein Großformat durch ein Streichquartett, eine Bläsersektion und schöne Zusatzposten wie Percussion und Vibrafon. Mit einem solchen Kaliber kann man viel machen, und tatsächlich zählen die liebevoll zusammengebastelten Arrangements zu den Pluspunkten des Abends.

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 Das heißt, sie würden es, wenn der Sound nicht so katastrophal abgemischt wäre, dass hier jede der ausgegrabenen Raritäten gleichermaßen lärmig und zermatscht tönt. Auch für Rocko Schamoni und seinen Sidekick Rica Blunck hat dies Folgen. Während man die gleichförmig vor sich hin tänzelnde Sängerin oft gar nicht erst vernimmt, bekommt der King in den Orchesterfluten zwar immer einmal wieder den Kopf über Wasser. Aber da er es mit dem Singen im engeren Sinne des Wortes ja noch nie so hatte, klingt sein Einsatz hier nun ganz nach Karaoke-Bar.

 Und in dieser Gestalt möchte man Kleinoden wie Manfred Krugs Früh war der Tag erwacht oder Hildegard Knefs Lass das Vergangene vergangen sein lieber nicht wiederbegegnen. Subkultur-Perlen wie Was kostet die Welt von Freiwillige Selbstkontrolle oder Geheime Weltregierung von GUZ ebenso wenig. Schamonis müdes Kiel-Bashing trägt als Leitmotiv seiner Moderationen zusätzlich dazu bei, dass mancher Gast vorzeitig das Weite sucht und man selbst wie zuvor Lambert die Uhr im Auge behält.

 Auch wenn das Konzert zum Finale immerhin ein bisschen Fahrt aufnimmt, ist die Zeit weitgehend verschenkt und mit ihr der Charme eines eigentlich reizvollen Projekts, das gut zur neuen Offenheit des SHMF gepasst hätte. Man reklamiert bei solchen Gastspielen heute gerne mit Bernstein, dass man nicht mehr zwischen E- und U-, sondern nur noch zwischen guter und schlechter Musik unterscheiden müsse. In diesem Sinne kann man sagen, dass sich die gute Musik an diesem Abend von ihrer schlechten Seite zeigte.