Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Perspektiven eines Kieler Orgelbauers
Nachrichten Kultur Perspektiven eines Kieler Orgelbauers
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:37 21.12.2018
Foto: Orgelbaumeister Roland Monczynski mit neuen Windladen in seiner Firma Paschen in Kiel-Pries.
Orgelbaumeister Roland Monczynski mit neuen Windladen in seiner Firma Paschen in Kiel-Pries. Quelle: Björn Schaller
Anzeige
Kiel - Pries

Immerhin: Ulsnis macht ihm Freude und Laboe gefällt ihm „ganz gut“. Hier und da fänden sich beachtliche Marcussen-Orgeln im Lande. In Kiel selber kann sich Monczynski zwar in der Nikolaikirche am Alten Markt an der kleinen Cavaillé-Coll-Mutin-Chororgel freuen („da passiert durch sie etwas im Raum“), doch ärgert ihn sofort die naheliegende Erinnerung an die große Kleuker-Orgel: „unvermeidlich in den Sechzigern stecken geblieben ...“. Dabei habe eine solche Stadt unbedingt symphonische Orgeln verdient – in der gut geeigneten Altstadtkirche genauso wie im Schloss-Konzertsaal, wo es nur der Reparatur bedürfte.

Keine Kraft in der Pauluskirche

In der Pauluskirche am Niemannsweg hört der Fachmann berechtigte Klagen über das solide, aber nicht angemessen dem Raum angepasste Neuthor-Instrument von 1985: „Bei der Kopplung von Registern kommt nichts hinzu, entwickelt sich keine Kraft. Man könnte daran klanglich vielleicht durch Erweiterungen arbeiten, aber sie wird immer langweilig bleiben.“ Die Orgel in der Ansgarkirche (Tolle / Neuthor von 1965/79) sei technisch in schlechterem Zustand, aber klanglich wesentlich besser.

Lohnende Erweiterungen in St. Nikolaus

Sein gegenwärtig fünfköpfiger Betrieb, der aktuell in Haddeby nahe Schleswig mit der Restaurierung einer Marcussen-Orgel von 1844 beschäftigt ist, hat in den vergangenen Jahren, das kann man bescheinigen, wesentlich zur Aufwertung der Orgelregion beigetragen: In St. Nikolaus in der Rathausstraße ist gemeinsam mit dem katholischen Regionalkantor Werner Parecker auf Basis der Führer-Orgel mit Erweiterungen im Schwellwerk und Register wie die Spanische Trompete klanglich viel passiert.

Spannender Sonderfall St. Heinrich

Besonders interessant ist außerdem die Metamorphose in St. Heinrich (Feldstraße) gewesen. Monczynski: „Eine verrückte Geschichte um ein entsetzliches Instrument. Der damalige Organist hatte sich das Ding offenbar aus allen möglichen Teilen aus Schleswig-Holstein zusammenbasteln lassen. Ein klangliches Chaos.“ Die einhellige Meinung der sachverständigen Kollegen: „über die Brüstung schieben!“ Aber irgendwie waren Monczynski und sein Intonateur Christoph Böhmig doch hellhörig geworden. Die Pfeifen, das Windsystem, die Stimmen – irgendwie besonders! Man machte sich ans „Orgelrecycling“.

Stilistisch wohl einzigartig in Norddeutschland

Stilistisch einzigartig „in ganz Norddeutschland“ schälte sich ein amerikanisches System heraus, an dem sich zum Beispiel der katholische Regionalkantor Robert Dears aus Pennsylvania zu Hause fühlen konnte. „Auch ein englischer Gastorganist wusste sofort damit umzugehen“, erinnert sich Roland Monczynski, „deutsche Organisten haben aber Probleme damit. Deshalb ist sie auch so angelegt, dass auf der linken Seite eine Nullachtfünfzehn-Orgel steckt, auf der jeder sofort spielen kann. Rechts aber liegen die ,Gimmicks’.“ „Erbärmlich“ findet Roland Monczynski den Zustand der Orgel in der Petruskirche Wik. Dabei lohne es sich, auch sie zu neuem Leben zu erwecken: „ein ähnlich interessanter Fall wie in St. Heinrich“.

Herausforderung: Räume richtig einschätzen

Jede Orgel sei nun einmal ein Unikat. „Ob sie wirklich gut, weiß man leider erst, wenn die letzte Pfeife gestimmt ist.“ Es gelte vor allem, Räume dazu richtig einzuschätzen, denn Töne würden unterschiedlich gut weitergegeben von der Akustik. Einen Extremfall hat der Orgelbaumeister selber in der katholischen Kirche im ostholsteinischen Oldenburg erlebt. „In der dortigen Elipse bündeln sich Frequenzen. Genau, wo der Bischof sitzt, verstärkte sich das tiefe D des Subbasses grenzwertig stark. Nichts zu machen“, amüsiert sich Monczynski im Rückblick. Ansonsten gelte: Überakustik sei eher günstig, weil viele Hall-Echos eine gleiche Verteilung garantieren.

Kunststoffe nicht langlebig genug

Erfahrene Ohren sind das eine, alles weitere ist bestes Handwerk. „Bis auf Metallpfeifen und Tastaturen fertigen wir alles selbst.“ Holz, Leder und Filz werde man auch in 1000 Jahren noch geschmeidig reparieren können. Kunststoffe seien nicht langlebig genug, würden spröde, Schaumstoffe zerfallen. „Wenn etwas kaputt ist in der Kunststoff-Technik aus den Sechziger Jahren habe ich ein Problem.“

Von Christian Strehk

Kultur Zeichner und Satiriker Fritz Weigle - Lyriker und Karikaturist F.W. Bernstein gestorben
21.12.2018
Kultur Landesmuseen bilanzieren - Wetter- und Welterbeeffekte
Konrad Bockemühl 20.12.2018