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Kultur Maler und Mahner
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18:51 30.04.2019
Von Konrad Bockemühl
Aus Richard Grunes "Passion des XX. Jahrhunderts": die Lithografie "Unterernährte Gefangene im Bad".
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Kiel.

Rolf Fischer hatte schon einen Termin mit dem 81-jährigen Richard Grune vereinbart. Aber es kam nicht mehr zu der Begegnung. Was Fischers Interesse letztlich noch beförderte. Mit Grunes Schwester Dolly Cornelius als erster Quelle, auch im Austausch mit dem Kieler Kulturjournalisten und Grune-Freund Karl Rickers, ließ ihn die außergewöhnliche Biografie des 1903 in Flensburg geborenen Malers nicht mehr los. Immer wieder sah er in den vergangenen Jahren Anlass gegeben, an Grune, den Maler und Mahner, zu erinnern, der als Homosexueller neun Jahre seines Lebens in Konzentrationslagern verbrachte. Im Ruhestand wurde jetzt ein Buch daraus – die erste Grune-Biografie, mit Leidenschaft und nach akribischer Spurensuche zusammengetragen und durch Fachbeiträge der Kunsthistoriker Ulrich Schulte-Wülwer und Thomas Röske sowie des Künstlers Bernhard Schwichtenberg ergänzt.

"Ein wirklich unbequemer Typ"

Richard Grune war, das konstatiert Fischer schon im Vorwort, „von absolut eigener Art“: Er lebte als Künstler ohnehin als „anderer Welten Kind“. In Flensburg und später in Kiel im sozialdemokratischen Arbeitermilieu aufgewachsen, habe er sein Leben als eine einzige laute Forderung nach Freiheit und Eigensinn geführt. Er war „ein wirklich unbequemer Typ, dieser Richard Grune“, stellt Fischer fest und macht es lesenswert nachvollziehbar. Wohl, weil er zugleich eine tragische Figur war, kann und will der Autor seine wertschätzende Sympathie für diesen Künstler nicht verbergen, der sich letztlich auf dem Kunstmarkt nicht durchsetzen konnte, auch wenn er in seinen Zeichnungen aus dem KZ-Lagerleben nachhaltige Zeichen setzte.

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Als Homosexueller verfolgt

Der in Kiel aus- und am Bauhaus fortgebildete Gebrauchsgrafiker Grune wurde seit 1934 von den Nazis als Homosexueller verfolgt und in den Konzentrationslagern Lichtenburg, Sachsenhausen und Flossenbürg misshandelt. Zeichnend gelang es ihm, sich irgendwie am Leben zu halten. Fischer bewundert seine „unbändige innere Stärke als Zeuge größter Qual und Tod“. Seine beklemmend ausdrucksstarken Lithografien aus dem KZ haben der deutschen Nachkriegsgesellschaft den Spiegel vorgehalten. So war seine Mappe "Passion des XX. Jahrhunderts" sein Lebenswerk. Und fand zunächst in Ausstellungen, etwa um die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, viel Beachtung: Ein Gefangener im elektrisch geladenen Stacheldraht, ein Schlafsaal im KZ, die Totenrutsche ins Krematorium... Das waren Bilder des Grauens, die als schonungsloser Rückblick zugleich ein Warnruf für die Zukunft sein wollten. Doch solche Mahnung war nicht überall gefragt: Ausgerechnet in Kiel zerstörten Unbekannte 1946 eine Ausstellung Grunes unter dem Titel Die Ausgestoßenen.

Letzte Ruhe auf Kiels Eichhof-Friedhof

Ein nachhaltiger künstlerischer Erfolg war dem Vollblutzeichner Grune nicht beschieden. Er blieb sich treu, blieb unangepasst, verarmte. Entschädigungsleistungen wurden ihm verwehrt, auch nach dem Krieg noch wurde er als Homosexueller diffamiert. Den Trend zu mehr Abstraktion in der Kunst wollte und konnte er nicht mitmachen. Nach einer längeren Episode in Francos Spanien kehrte er 1963 zurück nach Hamburg. Hier zog er sich, weiter unangepasst, zunehmend vergessen, aber auch unterstützt von Freunden und Förderern, in seine Welt zurück. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Eichhof-Friedhof.

Rolf Fischer: Das radikale Leben. Der Kieler Maler Richard Grune und seine Zeit 1903-1984. 232 S., Verlag Ludwig, Kiel, 24,90 Euro.

Lesung: Do., 2. Mai, 20 Uhr, Hansa48, Hansastraße 48.

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