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Kultur Poppig, politisch und pompös
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13:44 11.11.2018
Von Thomas Bunjes
Angemessen gigantisch: die US-Rockband The Flaming Lips begrüßt ihr Publikum beim Rolling Stone Weekender. Quelle: Manuel Weber
Wangels

Nicht minder poppig ging es schon am frühen Abend beim Gig von Father John Misty zu. Doch unter der manchmal fast zuckrigen Oberfläche verbergen sich nicht selten dunkle seelische Abgründe und ein sarkastischer Humor. Wie in dem Song „Nancy From Now On“, im Refrain mit Kopfstimme gesungen, oder im opulenten „Things It Would Have Been Helpful To Know Before The Revolution“. Manches gerät rockiger, und einmal senst der Father, dessen dandyhafte Bewegungen ansonsten wie abgezirkelt wirken, mit dem Hals seiner Akustikgitarre versehentlich den Mikroständer um.

Spontaner Ortswechsel

Mittendrin schnell rüber zur Almbühne, um die britische Rockband The Wave Pictures zu erleben. Doch die ewig lange Schlange stoppt nach halbstündigem Warten in der feuchten Kälte zehn Meter vorm Eingang. Also stattdessen fix zu Cass McCombs und Band in den Baltic-Feststsaal. Der 40-jährige Sänger und Gitarist aus Kalifornien hat schöne Songs im Köcher, darunter das gemächlich schwingende „Bum Bum Bum“ oder das treibende „In A Chinese Alley“ mit Sprechgesang, das ein wenig wie ein Talking-Heads-Song klingt. Da wäre man gern noch geblieben, aber im Zelt gehen gleich Kettcar auf die Bühne.

Kettcar: politisch und emotional

Die Hamburger Band startet mit „Trostbrücke Süd“ in ihr Set. Er dürfe nun traditionell alle unter 30-Jährigen im Publikum begrüßen, frotzelt Marcus Wiebusch (50), Sänger und Gitarrist. Lieder des neuen Album „Ich vs. Wir“ stehen im Zentrum des Konzerts. Wie das dramatische  „Sommer 89“. Ihr Beitrag zu Flüchlingskrise im Storytelling-Stil habe „erheblich polarisiert“, sagt Wiebusch weil man angeblich die Fluchtursachen damals und heute nicht vergleichen könne. Doch Humanismus sei „nicht verhandelbar“. Allerdings haben Kettcar fürs Publikum auch einen Drei-Songs-„Emo-Block“ aus „Rettung“, „48 Stunden“ und „Balu“ in petto, und Bassist Reimer Bustorff erinnert sich nostalgisch, dass er schon als 15-Jähriger im Ferienzentrum Weissenhäuser Strand durch die Passage gelaufen sei, weil sie hier als Jugendliche gezeltet hätten.

Höchste Eisenbahn für Die Höchste Eisenbahn

Während Wiebusch die ersten Zeilen von „Balkon gegenüber“ singt, ist es höchste Eisenbahn, raus aus dem Zelt und rüber zur Band Die Höchste Eisenbahn zu eilen. Doch das Quartett ist im Baltic-Festsaal noch mit dem Soundcheck beschäftigt. Das zieht sich, aber das Warten lohnt sich, denn die Lieder der Berliner sind fabelhaft. Etwa „Timmy“, eine melodieselige Umarmung wie auch „Beschweren“. Moritz Krämer und Francesco Wilking teilen sich den Gesang. Doch auch hier stehen nach sieben Songs die Zeichen auf Abschied, denn im großen Zelt versprechen The Flaming Lips eine große Show.

Fantastische Show von The Flaming Lips

Sie seien schon mal hier gewesen, erinnert sich Wayne Coyne. Korrekt, das war beim ersten Rolling Stone Weekender. Angemessen bombastisch intoniert die Band zunächst „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauß, bevor zu „Race For The Prize“ massenweise riesige, bunte Luftballons in die Menge geworfen werden und Kanonen Konfetti regnen lassen. Bald darauf hält Conyne eine gigantische Schrift aus silbrigen, luftgefüllten Buchstaben hoch: „Fuck Yeah Weissenhäuser Strand.“ Auch sie wird in die Menge geworfen, surft eine zeitlang über den Köpfen, wird dann gierig zerfleddert - jeder will einen Buchstaben als Souvenirs. Später lässt sich Coyne, aufgeblasene Engelsflügel auf dem Rücken, singend auf einem Einhorn durch die Menge schieben, rollt singend in einer aufgeblasenen Kunststoffkugel über die Menge hinweg oder steht singend vor einem gigantischen, aufgeblasenen Monster. Und mag die Musik von The Flaming Lips auch pompös sein, aufgeblasenen ist sie nicht, offenbart in Songs wie dem hymnischen „Do You Realize?“ gedankliche Tiefe.

Eindrücke vom Rolling Stone Weekender in Weissenhäuser Strand.
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