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Kultur Mahan Esfahani geriet in die Nebenrolle
Nachrichten Kultur Mahan Esfahani geriet in die Nebenrolle
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11:33 30.07.2019
Von Oliver Stenzel
Mahan Esfahani (Cembalo) und die Academy of St Martin in the Fields gaben beim SHMF 2019 ein Konzert im Kieler Schloss. Quelle: Axel Nickolaus
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Kiel

Ähnlich wie sein australischer Kollege Kristian Bezuidenhout in jüngster Vergangenheit das Fortepianospiel auf ein neues Level gehoben hat, entlockt derzeit Mahan Esfahani dem Cembalo einen ungekannten Ausdrucksreichtum.

Nimmt der iranische Musiker an dem Instrument Platz, wirkt sein Klang beinahe wie getunt – so als hätte hier heimlich ein Mitarbeiter der Firma Steinway Hand angelegt und zwischen Saiten und Kielen noch etwas Konzertflügel-Hardware verbaut. Tatsächlich bildet eine hochsensible Zwiesprache mit dem Cembalo die Basis von Esfahanis Wundertaten.

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Auch die großen Klanggesten entwickeln sich daher in einem vergleichsweise kleinen Lautstärkeradius. Die erstaunliche Pianissimo-Kultur, die bei seinem gut besuchten Konzert im Kieler Schloss am Montag ebenfalls zu erleben ist, verlangt vom Hörer offene Ohren.

Ein Problem des Abends: Akademie begegnet Interpreten nicht angemessen

Und hier liegt das Problem des Abends. Denn die ehrwürdige Academy of St Martin in the Fields, deren Hauscembalist seinen Platz für die beiden SHMF-Konzerte für Esfahani freigemacht hat, vermag diesem Interpreten nicht angemessen zu begegnen. In Johann Sebastian Bachs „Cembalokonzert d-Moll BWV 1052“ drückt der satte Orchestersound den des Cembalos mitunter gnadenlos ins Off.

Und selbst in den balancierteren Passagen verhindert das Ungleichgewicht zwischen Orchester und Solisten wirklichen Hörgenuss. Natürlich kann man bei alledem trotzdem mit Staunen erleben, wie Esfahani sich in die Musik regelrecht hineinzuzoomen scheint, sein Instrument im natürlichen Wechsel wie eine Nähmaschine rattern und wie eine Spieluhr tönen lässt, sich im langsamen Satz überraschende zeitliche Dehnungen erlaubt und im abschließenden „Allegro“ rasant kristalline Klarheit verbreitet. „Kann man das Cembalo jetzt hören?“, fragt er zur Zugabe und macht damit deutlich, dass auch er selbst sich bei alledem mehr Ausgewogenheit gewünscht hätte.

Cembalist gerät ins Hintertreffen

Bei einem Fußballspiel hätte die Mannschaft nach einem solchen Kommentar in der zweiten Halbzeit wohl die Taktik gewechselt. Die Academy of St Martin in the Fields jedoch hält auch nach der Pause in Joseph Haydns „Konzert für Violine und Cembalo, Streicher und B.c. F-Dur Hob. XVIII:6“ an der ihren fest, sodass der Cembalist erneut ins Hintertreffen gerät. Und weil er dabei mit dem Violinisten und Orchesterleiter Tomo Keller auch noch ein viel Wohlklang verbreitendes Gegenüber bekommt, spielt Esfahani nun gleich in zweifacher Hinsicht die Nebenrolle.

Ihre hohe Güteklasse unterstreicht die Academy of St Martin in the Fields, die in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag feiert, vor und nach diesen Begegnungen im Alleingang: Wolfgang Amadeus Mozarts „Adagio und Fuge c-Moll K 546“ und Benjamin Brittens „Prelude and Fugue for 18-part string orchestra op. 29“ erscheinen vor der Pause als vital und geschmackvoll ausgestaltete Präludien, Béla Bartóks „Divertimento für Streichorchester“ wird von den zwanzig Streichern als reizvolles Klangfarbenspiel mit vielen rhythmischen Pointen umgesetzt.

Hätte man die Hälfte von ihnen während der beiden Solokonzerte auf einen Altstadtspaziergang geschickt, wäre aus diesem Gastspiel vielleicht ein runder Abend geworden. So aber fehlte ihm an entscheidender Stelle die Balance.