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Kultur Großartige Aufführung des „Elias“
Nachrichten Kultur Großartige Aufführung des „Elias“
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00:44 03.09.2014
Von Michael Struck
Der große Chor bot bei Elias eine Glanzleistung. Quelle: Pepe Lange
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Kiel

Ein rund 250-köpfiger deutsch-englischer Chor, das nachwuchskräftig verstärkte NDR Sinfonieorchester, der inspirierende Leiter Thomas Hengelbrock und ein nicht nur in den Hauptpartien kongenial besetztes Solistenteam wirkten bei der fesselnden Aufführung von Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium Elias zusammen und erhielten stürmisch-nachhaltigen Applaus.
Am Ende liefen die Fäden des SHMF 2014 so schlüssig zusammen, wie es zwingender nicht hätte sein können. Mendelssohn, der diesjährige „Composer in residence“ (wie man wegen seiner Affinität zu England und der Uraufführung des Elias vor fast auf den Tag genau 168 Jahren in Birmingham anglophon sagen darf), war mit einem seiner Hauptwerke präsent. So schloss sich der Bogen von der Letzten Walpurgisnacht des Lübecker Eröffnungskonzertes über die zahlreichen Mendelssohn-Aufführungen während der vergangenen acht Wochen nun sinnreich in Kiel.

Die aktuelle SHMF-Schirmherrschaft durch Königin Elisabeth II. und besagte historische Uraufführung des Elias auf englischem Boden fanden im Zusammenwirken des Birminghamer CBSO Chorus und des Schleswig-Holstein Festival Chores schönsten künstlerischen Ausdruck. Zugleich repräsentiert der diesjährige Schleswig-Holstein Festival Chor mit seinen nach strenger Vorauswahl gefundenen 178 Mitgliedern die Verankerung des Festivals im Lande – das „Made in Schleswig-Holstein“, von dem Ministerpräsident Albig zur Begrüßung sprach – unübertrefflich. Auch da hat der neue Festivalleiter Christian Kuhnt am Ende seines ersten, in Konzert- und Besucheranzahl so erfreulich gewachsenen Festivaljahres ein gutes Händchen gehabt.

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Mendelssohns spätes Oratorium, das kompositorisch zwischen opernnaher Dramatik und altehrwürdig-polyphoner Satzkunst mit packender neo-bachischer Choralintensität aufgespannt ist, zeigte unter Thomas Hengelbrocks zupackend-sensibler Leitung zweierlei. Erstens: Die vokale Durchsetzungskraft eines stark besetzten Musikfest-Chores ist ein unverzichtbarer, gewissermaßen mitkomponierter Teil des Werkes – der Gesamtchor war in der Kieler Ostseehalle mit rund 250 Mitwirkenden nur unwesentlich kleiner als der Uraufführungs-Musikfestchor in Birminghams Town Hall.

Und zweitens: Wenn diese Musik so zielstrebig, kernig, klang- und temposchlank musiziert wird, fallen all die alten bösen, ja böswilligen Urteilsklischees vom gefühlig-biedermeierlichen, kaum je zur „Größe“ fähigen Mendelssohn einmal mehr in sich zusammen. Der prachtvolle, hochkonzentrierte, vielgeforderte Chor (auf englischer Seite von Simon Halsey, auf deutscher von Nicolas Fink optimal einstudiert) wirkte am Ende der zweieinviertel Aufführungsstunden noch bemerkenswert frisch und bot insgesamt eine Glanzleistung: vom durchschlagskräftigen, spitzentonsicheren Sopran, dem wendig-voluminösen Alt, dem eher sanft startenden Tenor mit seinen erstaunlichen Ausbaureserven und dem markant-flexiblen Bass.

Das NDR Sinfonieorchester, verstärkt durch Mitglieder des NDR Jugendsinfonieorchesters, brachte Erfahrung, Souveränität, Schwung und Kondition auf einen Nenner, und betörte mit hinreißenden Soli, ob Flöte, Oboe, Klarinette oder Cello. Dass die berühmte Arie Es ist genug eine Art Duett zwischen Bariton (Elias) und Cellogruppe ist, wurde eindringlich klar – natürlich auch deshalb, weil Bariton Michael Volle in der Hauptpartie des Elias ein Glücksgriff ist. Von alttestamentarischem Zorn bis zur lyrisch grundierten lebensmüden Klage stehen ihm alle Mittel von Stimme und Stimmausdruck zur Verfügung, die diese Partie fordert.

Sopranistin Genia Kühmeier stand ihm an Intensität und stimmlicher Entfaltungsfreiheit nicht nach. Gerhild Romberger fokussierte ihre metallen schimmernde Altstimme nach kurzer Aufwärmphase auf vergleichbaren Stand; Hanna Zumsande (Sopran) machte in Solo- und Ensemblebeiträgen stimmlich eine gute Figur, und Lothar Odinius (Tenor) charakterisierte die Facetten seiner Rollen trefflich.

Als Mitglieder des SH Festival Chores übernahmen Kyra Engelen und Jasmin Ürer mit Geschick kurze Soloaufgaben. So darf man dem nächsten SHMF-Jahr 2015 mit seinem Tschaikowsky-Schwerpunkt gespannt entgegensehen – künstlerisch mit Zuversicht, hinsichtlich der politischen Implikationen mit fragendem Blick.