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Kultur Kitsch und Können zum SHMF-Abschluss
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14:50 02.09.2019
Donald und Daisy finden sich wieder: Musikerinnen der NDR Radiophilharmonie Hannover live mit Elgar vor der großen Leinwand in der Kieler Sparkassen-Arena.
Donald und Daisy finden sich wieder: Musikerinnen der NDR Radiophilharmonie Hannover live mit Elgar vor der großen Leinwand in der Kieler Sparkassen-Arena. Quelle: Axel Nickolaus
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1940 innovativ, 2000 retrospektiv animierte Cartoons aus der perfekten Hollywood-Traummaschinerie der Marke Walt und Roy Disney: Die NDR Radiophilharmonie Hannover löste unter der Multitasking-Leitung von Filmmusik-Dirigent Christian Schumann die Aufgabe, den Soundtrack der großorchestral aufgeblasenen und in schnittigen Arrangements komprimierten Evergreens klickgenau live einzuspielen, mit Könnerschaft.

Stokowskis gewaltig gebremste Tempi

Das war deshalb besonders heikel, weil beim Musizieren ja nicht der freie Atem der individuellen heutigen Interpretation wehen durfte. Vielmehr musste nicht selten auf die Tempi des britisch-amerikanischen Hexenmeisters Leopold Stokowski bestanden werden, die Mitte des 20. Jahrhunderts noch in schwergewichtig postromantischer Opulenz getaktet waren. Nur so blieben Bild und Ton synchron.

Vergöttlichung des Dirigenten

Wie sehr der Pult-Kult längst vergangener Zeiten hier hereinspielt, sah man gleich an den bewegten Scherenschnitten Stokowskis. „Göttlich“, wie er Bachs Toccata und Fuge d-Moll als sinfonische Walze anfährt. Und allerletzter Gruß an den Komponistenschwerpunkt eines Festivalrekordjahrgangs, der Ministerpräsidenten und SHMF-Intendanten rundum „zufrieden“ macht, bevor ein Carl-Nielsen-Sommer 2020 Drögeres verspricht.

Unterschiedliches Vergnügen mit "Fantasia"

Die für gut zwei Stunden ausgewählten Fantasia-Teile bereiten unterschiedlich Vergnügen. Da gibt es den bloß gekonnten Kitsch, wenn grafische Figuren, Instrumenten-Abstraktionen, kleine Zauberelfen, plumpe Pilze, blühfreudige Blüten oder verirrte Silberreiher nach Bach, Beethoven, Tschaikowsky oder Debussy tänzeln.

Sinnfrei fliegende Wale

Weniger erschließt sich auch, warum ausgerechnet die sinnfrei fliegenden Wale zu Respighis mit wenig Wasser auskommenden, aber viel Klangrausch produzierenden Pinien an der Via Appia von Rom den Schluss bildeten – vielleicht als semipolitischer Gruß an Geomar oder Greta Thunberg? Das erinnerte dann doch (un)freiwillig an den argen Kino-Flop von 2000 ...

Disneys Cartoon-Größe mit Handlung

Aber wenn Handlung ins Spiel kam, dann konnte das auch ganz großes Kino sein und der Musik zusätzlich Flügel verleihen. Wie der Phönix-Feuervogel und stolze Rothirsch das ewige Vergehen und wieder Werden der gewaltigen Natur nachzeichneten, während Strawinsky dank der bestens verstärkten NDR Radiophilharmonie heftig unter die Haut fuhr, zählte unbedingt dazu. Grandios humorige 1940er-Klassiker, die die Welt weiter brauchen kann, waren natürlich die köstlich dickhäutige Ballett-Persiflage zu Ponchiellis Tanz der Stunden, die mythologische Entlarvung von Beethovens Gewittermusik aus der Pastorale und Mickey Maus‘ „Challenge“ als zerknirschter Zauberlehrling nach Goethe/Dukas.

Arche-Noah-Perle aus dem 2000er-Remake

Ganz sicher eine 2000er-Perle ist auch Donald Ducks bewegend herzige „Arche Noah“-Lovestory zur wilden Mixtur der Pomp and Circumstance-Märsche. Kitsch und Können, Humor und Ernst, Bild und Ton in Einklang.

Mehr zum SHMF lesen Sie auf unserer Themenseite.

Von Christian Dr. Strehk

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