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Kultur Die Facetten der Musikträume
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12:00 21.07.2014
Von Christian Strehk
Rachmaninow neu beleuchtet: Bernstein Award-Preisträger Christopher Park und sein Mentor Christoph Eschenbach. Quelle: Axel Nickolaus
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Lübeck

Außerhalb aller Gewohnheiten stand dann auch die Interpretation, die sich Christopher Park und sein Mentor Christoph Eschenbach für Sergej Rachmaninows Zweites Klavierkonzert op. 18 zurechtgelegt hatten. An die Stelle eines unablässig leidenschaftlichen c-Moll-Drängens, wie es von der russischen Aufführungstradition und auch der eigenen Lesart des Komponisten geprägt wurde, traten ausufernde Melancholie und das Schwelgen auf immer wieder zeitentrückten Klangkunstinseln. Auch wenn noch nicht alles konturiert geprobt schien, folgte das in extrem kurzer Zeit formierte Schleswig-Holstein Festival Orchester den beiden aufmerksam.

 Man kommt, vor allem in den ersten beiden Sätzen, um ein „Aber“ nicht herum: So schön „bedächtig“ manches Detail auch tönte – nicht selten vermisste man ein Rückgrat in der Musik und hochgespannte Interaktion zwischen Solist und Orchesterstimmen. Zudem bestand ständig die Gefahr, dass der Flügel sich in allemal warmen Farbtönen gänzlich im Orchestertosen auflöste, aus einem Klavierkonzert somit eine Symphonie mit obligatem Klavier wurde.

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 Park zeigte sich also als Feingeist, der gerne verträumte Märchen erzählt. Wo es passt, wie im zugegebenen Andante-Satz aus Mendelssohns d-Moll-Klaviertrio, kann das fesselnd sein. Und was für eine sympathisch unprätentiöse Idee, mit Stimmführern des Festivalorchesters als Zugabe intime Kammermusik zu machen! Der 26-jährige Preisträger, von NDR-Moderator Christian Schröder dann auch verbal aus der Charme-Reserve gelockt, kann aber auch anders, wie (exklusiv in Lübeck) das kantig forcierte Prokofjew-Encore bewies.

 Der von Landtagspräsident Klaus Schlie ganz im Geiste Bernsteins eröffnete Abend erhielt ohnehin noch eine völlig andersartige, erfrischende Facette. Denn Eschenbach verstand es mit dem nach wie vor groß besetzten Festivalorchester glänzend, Felix Mendelssohns eigentlich durch Ouvertüre, Scherzo und Hochzeitsmarsch berühmte, aber in Gänze fast nie gespielte Schauspielmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum zu sprühend geistreichem Leben zu erwecken. Da schimmerte in manchen Effekten Seelenverwandtschaft zum Zeitgenossen Berlioz und sogar die Vorwegnahme Gustav Mahlers durch.

 Die Leistung der elastisch reagierenden jungen Musiker aus aller Welt war – von den gefürchteten ersten Holzbläser-Akkorden an – hervorragend. Die abendliche Orchesterkrone eroberte sich Solo-Hornistin Marlene Pschorr im Notturno. Für reizvoll glockige, auswendig auf den Punkt gezauberte Feen-Anklänge sorgten, einstudiert von Hans-Joachim Lustig, die Frauenstimmen des Lübecker Kammerchors I Vocalisti. Als Gesangssolistinnen spukten Caroline Nkwe und Manuela Vieira aus dem Festivalchor des Vorjahres mit.

 Mit dem Schauspieler Dominique Horwitz warb ein Publikumsliebling für die allemal amüsante, im Melodram perfekt getimte Präsenz von Shakespeares Wortwitz. Allerdings gönnte seine extrem eingedampfte Lass’-mich-den-Löwen-auch-noch-spielen-Fassung nur dem absolut sattelfesten Komödien-Kenner Durchblick. Und der Schwerpunkt lag beim mitsommernächtlichen Spuk auf dem allzu menschlichen Handwerker-Gedöns. Für die Beschwörung von Oberons Elfenreich gab es ja Mendelssohns magische Musik ...