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Kultur Feiern und verzeihen
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15:42 03.08.2019
Von Konrad Bockemühl
Erfuhr große Zuneigung in Neumünsters Holstenhalle: SHMF-Gründer, Dirigent und Pianist Justus Frantz.
Erfuhr große Zuneigung in Neumünsters Holstenhalle: SHMF-Gründer, Dirigent und Pianist Justus Frantz. Quelle: Axel Nickolaus
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Neumünster

Drei Stunden später wurde der seit Mai 75-jährige Festivalgründer von seinem Neumünsteraner Publikum erneut enthusiastisch gefeiert.

Bei dieser Einführung des aktuellen Intendanten Christian Kuhnt musste Jubel folgen: Ein wahrer „Magier“ sei Justus Frantz, der mit der Gründung „unser aller“ SHMF 1985 die Kulturlandschaft in Deutschland nachhaltig auf den Kopf gestellt habe, ein „verrückter Kerl“, der auf seine einmalige Art so viele Menschen für die klassische Musik begeistern ... und jedes Konzert zu einem Fest machen konnte. 

Bewegt von der Zuneigung des Publikums

Spürbar bewegt von so viel Zuneigung trat Justus Frantz ans Pult. Aber auch spürbar angeschlagen - erst vor wenigen Wochen hatte ihn eine sehr heikle Blinddarm-Operation außer Gefecht gesetzt. So hätte er sich nicht „überreden“ lassen dürfen, wie zum 70. in Lübeck auch hier wieder Mozarts „Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467“ zu spielen. Oft genug haben wir gehört, dass er dieses elegant fließende Werk musikalisch und technisch blendend beherrscht. Diesmal gingen bei allem Ausdruck Konturen verloren, wollten Läufe nicht perlen - im bewegten dritten Satz musste der Solist gar kurz abbrechen, um sich (und die Noten) neu zu sortieren. „Ich bitte um Entschuldigung.“ - Das zugeneigte Publikum verzieh das mit demonstrativem Zuspruch. 

Ein bunter Strauß an Stimmungslagen

Es erhielt nach nach der Pause musikalische Wiedergutmachung. O Fortuna! Carl Orffs populäre „Carmina Burana“ vereinen einen bunten Strauß sehr weltlicher Stimmungslagen. Hauchzart wird die Liebe besungen, derb die Völlerei, berauschend der Genuss: Der klangvoll aufblühende Philharmonische Chor Brünn (Einstudierung: Petr Fiala) und die hinreißenden Limburger Domsingknaben (Andreas Bollendorf) intonierten die bildreiche Wechselhaftigkeit mit strahlendem Glanz und starkem Ausdruck. Das Solistentrio dürfte man selten besser gehört haben: Dominik Köninger mit kräftig-warmen Bariton, mal verliebt, mal verlottert, Anna-Lena Elbert, schmachtend mit lieblich-reinem Sopran, und Tenor Martin Petzold, im Falsett das ganze Leid des in der Pfanne schmurgelnden Schwans auch mimisch auf sich vereinend. Ein sinnenfroher Genuss, animierend dirigiert von Justus Frantz.

Geige aus Kasachstan, Pauke aus Ecuador

Er hatte bereits zu Beginn des Abends in Rossinis Ouvertüre zu „Guillaume Tell“ seine nach allerlei Wirrungen derzeit nur noch sporadisch konzertierende und um einen harten Kern stets neu zu formierende Philharmonie der Nationen zu einem recht homogenen Klangkörper vereint. Nach einem starken Signal der Celli gleich zum Anfang stachen immer wieder hochkarätige Soli auf dem engagierten Ensemble hervor. Von der Ersten Geige aus Kasachstan bis zur Pauke aus Ecuador... auch diese vereinigende Vision des Justus Frantz ist es, die ihm so große Zuneigung beschert. Über die kleinen Schwächen des Festkonzertes sieht man in der Holstenhalle bei dieser großen Lebensleistung gern hinweg. 

Und Justus Frantz zieht unermüdlich weiter: Am Sonnabendabend dirigierte er die „Carmina Burana“ beim Rheingau Festival, dann geht es in Wladiwostok ans Pult des Mariinsky Orchesters.

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