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Kultur Fabelhafte Bibelstunden
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18:17 25.07.2014
Von Christian Strehk
Foto: Thomas Hengelbrock treibt seinen Balthasar-Neumann-Chor und das zugehörige -Ensemble zu ausdrucksstarken Höchstleistungen an.
Thomas Hengelbrock treibt seinen Balthasar-Neumann-Chor und das zugehörige -Ensemble zu ausdrucksstarken Höchstleistungen an. Quelle: Nickolaus
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Kiel

Quakende Frösche, eiternde Pestbeulen, sirrende Insektenschwärme, prasselnder Feuerhagel und eine Finsternis, in der die Töne gefrieren: Händel zieht beim Nachzeichnen der biblischen Plagen alle Register und hüllt die für die Freiheit auserwählten Kinder Gottes dann in kuschelweiche Schäfchenfelle.

 So plastisch aber, wie Thomas Hengelbrock, sein Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble diesen Affekten und Effekten im Kieler Schloss nachspürt, hat man das in Israel in Egypt wohl kaum jemals gehört. Mit der zweiflügelig um Theorben, Barockharfe, Orgel und Cembalo herum gruppierten, auffallend üppigen Orchesterbesetzung wird ein extrem wandlungsfähiger Klanggrund geschaffen, in den sich der exquisite Profichor nahtlos einklinkt oder sich aus ihm freischwebend erhebt. Hengelbrocks zupackendes Dirigat und sein bisweilen sogar aggressives oder auch impressionistisch aufgelöstes Extremergebnis wird vielleicht manchen Puristen historischer Aufführungspraxis ins Grübeln versetzen, aber jeden Opernfan beglücken.

 „The Lord shall reign for ever and ever“: Nach der Pause, wenn Moses die Kinder Israel zu einem sich in Wellen steigernden Lobgesang aufruft, rückt Händel der Messias-Würde näher. Herrlich wie der Chor mit seinen besonders prachtvoll singenden Tenören hier im Namen des Würzburger Welterbe-Baumeisters satte Akkord-Fundamente gießt, doppelchörig Polyphonie-Streben verspannt, filigrane Verzierungen vergoldet und gewaltige Tongewölbe ausstaffiert.

 Von den guten bis hervorragenden Solisten, die im wahrsten Sinne aus den Chorreihen herausragen, sei der Alt-Solist Terry Wey besonders erwähnt. Der ehemalige Wiener Sängerknabe begeistert nämlich mit einem seraphischen Leuchten, das man so samtig nicht alle Tage von einem Countertenor hört.

 Das Publikum im nicht ausverkauften Schloss reagiert enthusiastisch auf die spürbar lustvoll musizierten Händel-Lehrstunden. Und jeder Chorsänger im Saal registriert schließlich demütig, wie wunderbar reich abgestuft in Dynamik und Tempo die viel gesungene doppelchörige Psalmmotette Richte mich Gott als Zugabe den Raum flutet – von jenem frühromantischen Komponisten Felix Mendelssohn, der als einer der ersten erkannte, welch enormes Potenzial im Schaffen Händels steckt. Die religionsübergreifende Demut der Familie Mendelssohn im Blick auf die Geschichte, Gegenwart und Zukunft täte überall gut: in Israel, in Ägypten und sogar im einigermaßen friedvollen Schleswig-Holstein.