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Kultur Probenbesuch bei Maestro Sanderling
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18:00 28.07.2014
Von Christian Strehk
Ohren auf, wenn es um Stalin geht: Michael Sanderling sucht den Subtext in Schostakowitschs „Fünfter“. Quelle: Axel Nickolaus
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Büdelsdorf

„Macht alles möglich, was unmöglich erscheint“, ermutigt Maestro Michael Sanderling die Mitglieder des Schleswig-Holstein Festival Orchesters. Ob aggressiver Marsch („lauter, kürzer, scheußlicher!!“) oder trügerische Ruhe, musikalisch hergestellt mittels vibratoloser Leere und Streicher, die bitte nur noch „ein Haar“ ihres Bogens über die Saiten gleiten lassen – der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie weiß genau, welchen „Level der Aufregung“ und welchen anti-stalinistischen Subtext er in Dmitri Schostakowitschs Fünfter Symphonie zu suchen hat.

 Hellhörig geworden durch den Austausch mit seinem Vater, dem in Leningrad neben Evgeny Mravinsky und in Ost-Berlin als Dirigentenlegende wirkenden Kurt Sanderling, sowie weiteren Zeitzeugen ist ihm völlig klar, dass in den Noten des von d-Moll nach D-Dur positiv zurechtgebogenen Werks nur die halbe Wahrheit steht – jene halbe, die den sowjetischen Kulturfunktionären gefallen musste, damit der Komponist überleben durfte.

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 „Es gilt, die Chiffren der Partitur zu entschlüsseln. Schostakowitsch ist sogar so weit gegangen, zum Beispiel absichtlich falsche Metronomangaben in die Noten zu schreiben, um sich zu schützen“, behauptet Sanderling. So habe er den Funktionären bei ihrer Kontrolle noch in der Generalprobe eine gewisse Harmlosigkeit der Klänge vorgaukeln können. „Wer dieses Insider-Wissen nicht hat und ja auch nicht haben kann, läuft Gefahr einer totalen Fehlinterpretation.“ Deshalb habe Schostakowitsch in Amerika lange als billiger Komponist gegolten. Ausgelöst vom Prawda-Hetzartikel „Chaos statt Musik“ sei in dem Komponisten die letzte Hoffnung erloschen und der Weg in die innere Emigration von der Fünften an vorgezeichnet gewesen. Sanderling: „Das ging so weit, dass er seinem eigenen Sohn Maxim den wahren Inhalt seiner Werke verschwiegen hat, um seine eigene Existenz nicht aufs Spiel zu setzen. Das ist eine Dimension der Unfreiheit, die uns noch heute bewegt.“

 Michael Sanderling will seinen 2011 verstorbenen Vater, der 1996 und zuletzt im Jahr 2000 selber Arbeitsphasen der SHMF-Orchesterakademie geleitet hatte, auf keinen Fall kopieren: „Das wäre unecht“, sagt er. Was aber kann ein Dirigent tun, um dem Hörer die Doppeldeutigkeiten auf eigenständige Weise zu vermitteln? „Ich muss zunächst eine ganze Menge mehr Ansagen machen, als das in einer Tschaikowsky-Symphonie nötig wäre. Es gibt eben Dinge, die kann man nicht mit rein dirigentischen Mitteln zeigen. Und ich bin wirklich erstaunt, wie viel davon schon in der ersten Probe im Orchester ankommt, obwohl zum Glück wohl niemand eine vergleichbare Überlebenssituation erlebt hat.“ In Dresden, wo Sanderling eine Schostakowitsch-Serie aufgelegt hat, sei das Verständnis dafür leichter herzustellen, weil so manches Orchestermitglied und das Publikum die DDR noch hautnah miterlebt hätten. „Auch dort musste man sich ja ständig überlegen, wem man was sagt.“

 Seine glänzende Cello-Karriere, einst beschleunigt durch die Berufung auf die Soloposition beim Gewandhausorchester Leipzig durch Kurt Masur, hat Michael Sanderling längst hinter sich gelassen, auch wenn er noch als Lehrer sehr gefragt ist. Gerade im SHMF-Kontext keimt jedoch bei ihm ein wenig Streicher-Nostalgie auf. Im Jahr 2000 spielte er unter seinem Vater beim SHMF ein Cellokonzert – von Schostakowitsch! Zuvor glänzte er hier wie sonst über hundert Male mit Brahms’ Doppelkonzert, das jetzt auch auf dem Programm steht. „Dabei ist es für mich nach wie vor das Schwerste, als Dirigent neben einem Cello auf der Bühne zu stehen“, lächelt der Berliner, „bei jedem anderen Instrument bin ich bereit, ohne Vorerwartungen anzutreten ...“ Der Dirigent darf hier Einfluss nehmen: „Es ist ein grandioses Werk, aber eben nicht dafür komponiert, die Solisten zur Schau zu stellen.“

 Weitere öffentliche Sanderling-Proben Dienstag und Mittwoch, jeweils 10 –13 Uhr, 16 – 19 Uhr. Am Donnerstag mit den Brahms-Solisten van Keulen und Müller-Schott, 10 –13 Uhr. Änderungen der Probenzeiten über Telefon: 04331/6645808, im Internet (www.shmf.de/oa) oder via Smartphone-App. Öffentliche Generalprobe, Donnerstag, 20 Uhr. Konzerte: Fr, 1. August, in Kiel; Sonnabend, 2. August, in Lübeck. Kartentel. 0431/237070.