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Kultur „Er mochte Menschen so wahnsinnig gern“
Nachrichten Kultur „Er mochte Menschen so wahnsinnig gern“
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07:00 24.08.2018
Von Konrad Bockemühl
Leonard Bernstein mit SHMF-Gründer Justus Frantz in einer Probenpause. Quelle: bkm:Konrad Bockemühl
Kiel

Beethovens 9. Sinfonie - das kommt nicht von ungefähr: Zum einen gab der Stardirigent aus New York 1986 in der damaligen Kieler Ostseehalle seinen Einstand und damit eine Initialzündung für das SHMF, zum anderen war es Beethovens 9., mit der Bernstein zu Weihnachten 1989 die neue Freiheit durch den Mauerfall in Berlin „feierte“ – auf Initiative seines Freundes, des Festivalintendanten Justus Frantz.

Frage: Wie sind Sie sich überhaupt das erste Mal begegnet?

Justus Frantz: Es begann mit Dvoraks Klavierkonzert: Bernstein hatte eines Nachts im Radio die Aufnahme mit mir und der Nordwestdeutschen Philharmonie gehört und war von dem Werk total begeistert. Ein Kontakt wurde angebahnt und es kam zu einem Treffen in Paris – Ergebnis: „We have to do it!“. 1975 haben wir die Aufnahme mit New York Philharmonic gemacht. In dieser Zeit haben wir uns angefreundet – ich lebte bei den Bernsteins, hatte damals auch ein Auge auf seine älteste Tochter Jamie. Und bald war die ganze Familie regelmäßig zu Gast auf meiner Finca auf Gran Canaria. Das war übrigens ziemlich stressig für mich, weil es eine Rundum-Betreuung verlangte: Bernstein war nachtaktiv, seine Frau Felicia stand sehr früh auf. Einmal habe ich mich in die Berge verdrückt, um endlich zu schlafen...

Bernstein war dann fast 20 Jahre regelmäßig bei Ihnen auf Gran Canaria.

Ja, er war hier sehr glücklich., Unvergesslich sind seine Lectures, die er abends oft vor einem guten Dutzend Gäste hielt. Da führte er den „Rosenkavalier“ komplett als Ein-Mann Show auf – hinreißend. Es war kaum eine Note richtig, aber es war wohl der schönste „Rosenkavalier“, den ich je gehört habe. Auch Verdis „Maskenball“ oder Strauss’ „Salome“ bis hin zu spanischen Revolutionssongs brachte er uns so näher – immer mit viel Alkohol, immer genial. Ja, einmal musste ich auch ein wenig tricksen, um den Whisky-Nachschub zu bremsen... Im Stillen komponierte er auf der Finca sein Präsidenten-Musical „1600 Pennsylvania Avenue“ oder die Oper „A Quiet Place“ – die freilich zu seinem Leidwesen nie die Popularität seiner „Westside Story“ erreichten.

Ein wenig tricksen mussten Sie auch, um ihn nach Schleswig-Holstein zu holen. Wie haben Sie Bernstein gewinnen können?

Nun, es gab erste Ideen für das Schleswig-Holstein Musik Festival, und ich hatte vom Verein den Auftrag, ihn herzulocken. Es hatte eine anstrengende„Friedenstournee“ 40 Jahre nach dem Atombombenabwurf von Nagasaki hinter sich und freute sich nach dem letzten Konzert in Wien auf meine Finca. Ich musste ihn überreden und habe beim Wetter ordentlich geschönt. Helmut Schmidt hatte extra ein Flugzeug besorgt, das ihn direkt hierher brachte. Und ich musste Lenny versprechen, ihn von allen offiziellen Terminen zu verschonen: „No Ministers!“. Nun, am Flughafen hat ihn gleich Kulturminister Peter Bendixen begrüßt, und ich habe einen kräftigen Stoß in die Rippen abbekommen. Aber das Wetter hatte wirklich Gnade.

Und Bernstein ist geblieben.

Ja, acht Tage – auch, weil ihm von Land ein Hubschrauber zu Verfügung gestellt wurde – „incredible!“. Er hat sich für sein Urteil „I fell in love with Schleswig-Holstein“ das Land auch erflogen. Und es gefiel ihm, dass man in seinem Quartier im Schloss Tremsbüttel sich seinem Rhythmus unkompliziert angepasst hatte: Frühstück mittags, Mittagessen am Abend, Abendessen spät nachts. Das gefiel ihm, auch als Alternative zu Gran Canaria.

Ein großer Name, eine große Anschubhilfe für das SHMF...

Ja, damals nahm kaum einer meine Festivalpläne wirklich ernst, aber irgendwie konnte ich über Helmut Schmidt nach einem Treffen auf Gran Canaria dann doch Ministerpräsident Uwe Barschel für die Sache gewinnen – er ließ sich mit den Worten „Sie sind doch ein Ehrenmann“ meinen Handschlag auf die große Sache geben. Ich sollte dann, es war Ende März, so 20 Konzerte planen. Mit dem Namen Bernstein im Hintergrund schrieb ich rund 200 Künstler an – und es hat kaum einer abgesagt! Damals gab es im Sommer ja neben Salzburg und Luzern fast nichts – so wuchs das Programm im ersten Jahr unfassbar auf 120 Konzerte, mit vielen großen Namen.

Und Bernstein setzte am 2. Juli 1986 das Startsignal in der Ostseehalle.

Er dirigierte in der überhitzten Ostseehalle Haydns „Schöpfung“ und gab einen Dirigierkurs im Schloss. Wir sind damals viele Festivals durchgegangen, hatten ein Konzept mit viel Spontanität und demokratischer Beteiligung im Sinn. Gemeinsam mit Christoph Eschenbach entstand dann die Idee des internationalen Jugendorchesters, unkompliziert und unkonventionell – in der Art, wie Bernstein es aus vielen Jahren in Tanglewood /Massachusetts kannte. Dort, wo am Sonnabend sein Geburtstag international gefeiert wird.

1987 startete die Orchesterakademie – drei Sommer unterrichtete Bernstein in Salzau.

Ja, er war begeistert von Schleswig-Holstein und dieser Arbeit. Am Anfang hat er das sogar ohne Honorar gemacht. Und er wäre sicher auch weiter gekommen – auch wenn sein Manager etwa über die Holstenhalle als Konzertsaal weniger begeistert war, er Bernstein zudem auch noch beim neu gegründeten Pacific Music Festival in Japan einplanen wollte. Doch schon 1989 war zu merken, dass er starke gesundheitliche Probleme hatte – nach seinem Tod im Oktober 1990 musste ich eine Trauerrede in New York halten.

Wie nahbar war der internationale Star in Schleswig-Holstein?

Er wollte ja keine offiziellen Termine und Treffen (die es dann ja doch gab, etwa mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Salzau). Aber er war gegenüber seinen jungen Musikern und Dirigierschülern extrem nahbar. Er mochte Menschen so wahnsinnig gern. Und wir beide entzündeten uns am gleichen: Bernstein war ganz jugendlich in seinem Feuer für viele Themen, aus dem Zeitgeschehen, aus der Musik. Ich glaube, man kann mir ähnliches nachsagen. Insofern passte das sehr gut.

Wie hat LB sie geprägt?

Ich bin ja einer den wenigen Musiker, die von den beiden Antipoden Herbert von Karajan, mit dem ich auch über 30 Konzerte gegeben habe, und Leonard Bernstein geprägt wurden. Bei Bernstein war es die Spontanität des Musizierens, das Risiko auf sich zu nehmen und auch mal fehlbar zu sein, das Streben, immer wieder Neues zu erleben und erlebbar zu machen. Diese Intensität, auch das Publikum zu fangen, das hat auch mich unglaublich geprägt. Karajan war das ganze Gegenteil. Er war außerordentlich kompliziert in den Proben – das war kein Zuckerschlecken. Aber im Konzert wusstest Du bei Bernstein nie, was passiert, und ob es überhaupt sinnvoll war, zu proben. Bei Karajan wusstest du, jetzt kannst Du total entspannen und dich nur auf die Musik konzentrieren, das wird jetzt ein herrliches Konzert ...

Apropos Intensität: Kürzertreten war Leonard Bernsteins Sache nicht. Wie ist das bei Ihnen – sie haben gerade eine schlimme Krankheit überstanden.

Kürzertreten, nein das will ich nicht. Aber es stimmt. Nach einer Keiminfektion war eine riskante OP an vier Rückenwirbeln notwendig. Jetzt geht es mir wieder ganz gut. Und auch mein Finger ist nach dem Unfall mit dem Küchenmesser so weit in Ordnung, dass ich wieder Klavier spielen kann.

Allemal dirigieren: Bernstein war vom Mauerfall 1989 tief berührt. Und hat damals in den beiden Konzerten in Berlin-Ost und -West aus Schillers „Ode an die Freude“ eine „Ode an die Freiheit“ gemacht. Übernehmen Sie das am Sonnabend mit ihrer auch nach Bernsteins Idealen gegründeten Philharmonie der Nationen?

Ich weiß nicht – nein, ich denke, ich bleibe bei Freude... Das ist doch übergeordnet: Nur wenn Du frei bist, kannst Du Dich auch freuen.

Hier sehen Sie Bilder aus der gemeinsamen Zeit.

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