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Kultur Zirkus und Klagegesang
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16:40 22.08.2014
Von Christian Strehk
Dirigent Valery Gergiev begeisterte beim SHMF. Quelle: Nickolaus
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Hamburg

Was der wegen seiner erklärten Putin-Treue politisch unter Beschuss geratene zukünftige Chef der Münchner Philharmoniker da an satirischem Folklore-Zirkus in Rodion Schtschedrins genial instrumentierten Osornije tschastuschki (den „frechen Orchesterscherzen“) entfesselte, war schlicht grandios. Dass mit ähnlicher Attitüde Johannes Brahms’ streng strukturierte Vierte Symphonie emotional überladen, in Tempowechseln aufgeweicht und in klangeffektgierigen Bruchstücken serviert wurde, darüber ließe sich gerade in Hamburg trefflich in Streit geraten. Auch das zugegebene Lohengrin-Vorspiel geriet eher fett als filigran.

 Sol Gabetta aber hatte mit ihrem frühen Förderer Gergiev an der Seite ihre bislang vielleicht stärksten Minuten als Schwerpunktkünstlerin des SHMF 2014. Gesundheitlich angeschlagen steigerte sie sich geradezu fiebernd hinein in die künstlerische Selbstvergewisserung des lange sowjetpolitisch unterdrückten Russen Dmitri Schostakowitsch: Sein Erstes Cellokonzert op. 107 aus dem Jahr 1959 mit dem bohrend maskierten Initialmotiv und dem eigenwilligen Trialog mit Solo-Horn und Pauke mag unter Gabettas Händen vielleicht nicht die Wucht entwickeln, die ihrem „Lehrergroßvater“ Mstislav Rostropowitsch, dem Widmungsträger und Uraufführungssolisten, zu Gebote stand. Aber der virtuos überdrehte Wahnsinn und der Totentanz-Charakter im Finale wurden beklemmend spürbar.

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 Außerdem entwickelte Gabetta die intimen Momente und die große Cadenza zu bewegenden Klagegesängen, die das Publikum in der ausverkauften Musikhalle zu atemlosen Lauschen zwangen.

 Passend dazu die Wahl der fragilen Zugabe: der Dolcissimo-Satz aus Peteris Vasks Gramata cellam.