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Kultur Sokolovs perfekte Hörer-Hypnose
Nachrichten Kultur Sokolovs perfekte Hörer-Hypnose
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17:10 23.07.2018
Von Michael Struck
Am Klavier versunken, entrückt, nach Konzertende durchaus nahbar für seine Fans: Grigory Sokolov. Quelle: Axel Nickolaus
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Kiel

Sokolov gestaltet nicht nur Schubert, sondern auch Haydns Sonaten in g-, h- und cis-Moll Hob. XVI Nr. 44, 32 und 36 atemberaubend charakterscharf, vielseitig und zwingend, sodass Ovationen zwangsläufig sind und daraufhin bei den Zugaben Sokolovs persönliche Höchstpunktzahl sechs erreicht wird: mit Schubert, Rameau, Chopin, Griboedov und Debussy.

Tiefsinniger Haydn

Sokolov zeigt, wie tief Haydns Musik lotet. Man kann das schlanker, oberflächen-betont pointierter spielen. Doch Sokolov zeigt uns das Singende und Sprechende, das Geistvolle, das Melancholische dieses Sonatenkosmos, führt uns Haydns „Nachdenken in Musik“ vor die staunenden Ohren.

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Schubert graziös und pathetisch zugleich

Danach die vier Schubert-Impromptus. Den Variationen des 3. Stückes, treibt Sokolov alles Salonhaft-Brillante aus und entdeckt ihre bald graziöse, bald pathetische Lied-Doppelbödigkeit. Im 1. Stück, das nach energischem Beginn schnell den lyrischen Ton sucht, findet und quasi-dialogisch auskostet, lassen Schubert und Sokolov vorübergehend die Zeit stillstehen.

Existenzielle Unerbittlichkeit

Dagegen zerfällt und zerfasert das As-Dur-Impromptu denn doch. Umso stärker überzeugt das abschließende ungarisierende Allegro scherzando: Keinen virtuos-folkloristischen Tastenwirbel präsentiert Sokolov da, sondern enthüllt existenzielle Unerbittlichkeit mit Sturz ins schwarze Nichts. Überwältigt und dankbar verlässt man den Saal nach fast drei Stunden.