Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Souverän bis ins Extrem
Nachrichten Kultur Souverän bis ins Extrem
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:14 27.07.2014
Von Christian Strehk
Dem tiefen, aber nie schwülstigen Ernst des Andante-Mittelsatzes ließ Julia Fischer ein beinahe zirzensisch freches Finale folgen. Quelle: Axel Nickolaus
Anzeige
Kiel

Die in München lebende und lehrende Perfektionistin trieb den Solopart von Beginn an unsentimental und frisch voran, ohne dass im leuchtenden, frappierend sauber intonierten und scheinbar mühelos in jede Extremlage getriebenen Ton die e-Moll-Melancholie gefehlt hätte. Man durfte sich da gerne an eine Legende wie Jascha Heifetz erinnert fühlen, der auch nie vergaß, dass es sich bei dem Konzert um ein frühromantisches Pionierstück und eben nicht um einen spätromantisch überladenen Wunschkonzert-Schinken handelt.

Fischer hatte zudem in Deutschlands derzeit vielleicht aufregendstem Orchester, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, optimale Partner. Unter Paavo Järvi atmenden die Musiker jede Nuancierung der Geigerin mit und blieben sogar dann noch einen Lautstärkegrad unter ihrem Solo, wenn sie es elfenhaft fast ins Pianissimo-Nichts verschweben ließ.

Anzeige

Dem tiefen, aber nie schwülstigen Ernst des Andante-Mittelsatzes ließ Julia Fischer ein beinahe zirzensisch freches Finale folgen, das schon den Querverweis zu ihrer zweiten Zugabe zu enthalten schien. Denn nach der asketisch und zugleich luftig aufgefassten d-Moll-Sarabande von Bach folgte die berühmt-berüchtigte 24. Caprice von Niccolò Paganini. Wie auf ihrer faszinierenden Decca-Einspielung gelang der 31-Jährigen die Umsetzung grandios – flankiert von manch schnippisch amüsiertem Lächeln, wenn überhaupt mal eine kleine Unebenheit auftrat oder etwas besonders effektvoll funktioniert hatte ...

Die Deutsche Kammerphilharmonie, die schon zu Beginn Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre von jeglicher Oberflächlichkeit freigesprochen hatte und als Zugabe das Sommernachtstraum-Scherzo hinreißend hinzutuschen verstand, hatte ein weiteres, eigenes As im Ärmel. Nach aufregenden Schallplatten-Großtaten in Sachen Beethoven und Robert Schumann ist man jetzt energisch konsequent bei Johannes Brahms angekommen – und renoviert Hörgewohnheiten.

Paavo Järvi wühlte mit seinen Partnern Brahms Erste Symphonie c-Moll sozusagen von innen heraus auf. Von den bohrend harten Paukenschlägen an wurde keine Sehne, kein Nerv, kein Muskelstrang im bewegten Organismus unter dem sonst üblichen großsinfonischen Leder versteckt. Besonders hochgespannt elektrisierte so die heikle Einleitung zum Finale, das dann umso befreiter seine enormen Sogkräfte entwickelte.