Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Euphorischer Lobgesang
Nachrichten Kultur Euphorischer Lobgesang
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 19.08.2014
Von Christian Strehk
Thomas Dausgaards Experiment, für Mendelssohns Opus 52 zwei von Schleswig-Holsteins feinsten, in der Klangästhetik aber ganz unterschiedlichen A-cappella-Ensembles zu einem mittelgroßen semiprofessionellen Oratorienchor verschmelzen zu lassen, hat bestens funktioniert. Quelle: cst (Probenfoto)
Anzeige
Lübeck

Die ideenreiche c-Moll-Symphonie op. 11 des 15-jährigen Goethe-Protegés und die reif durchdachte Lobgesang-Kantate des legendären Gewandhaus-Kapellmeisters verstand der feuerköpfige Dirigent am Freitag wiederum als knisternde Innovationen im vermeintlichen musikgeschichtlichen Vakuum zwischen Beethoven und Schumann.

Das Experiment, für Mendelssohns Opus 52 zwei von Schleswig-Holsteins feinsten, in der Klangästhetik aber ganz unterschiedlichen A-cappella-Ensembles zu einem mittelgroßen semiprofessionellen Oratorienchor verschmelzen zu lassen, hat bestens funktioniert. Dausgaard konnte den Madrigalchor Kiel und I Vocalisti Lübeck (Einstudierung: Friederike Woebcken und Hans-Joachim Lustig) als eine Art viergliedrig homogenen Leuchtkörper über dem Orchester spürbar flexibel durchstarten lassen.

Anzeige

Zwar ging der Kampf um eine deutliche Diktion in der extremen Nachhallakustik des Domes an vielen Stellen verloren, doch teilte sich die hoch fliegende Glaubenseuphorie dem Hörer eindringlich mit. Eingehängt in eine wohltemperiert gerundete Intonation begeisterte der Chor mit einer großen, aber auch im Fortissimo nie überreizten dynamischen Bandbreite. Am schönsten gelang der zentrale, freiströmend a-cappella-beginnende Choral Nun danket alle Gott mit seinen Pianissimi- und Fermatenspannungs-Wagnissen.

Unter den Solisten ragte deutlich der Tenor Daniel Behle hervor, der trotz hypnotischer Fixierung seines Notenheftes enorm ausdrucksstark zwischen Kunstlied-Intimität und lyrisch-dramatischem Opernton alle denkbaren Frühromantik-Register zog. Seine bangen „Hüter-ist-die-Nacht-bald-hin?“-Fragen gingen besonders unter die Haut und boten der zunehmend farbenreich, aber ton-textlich durchweg zu unscharf singenden Sopranistin Polina Pasztircsák Gelegenheit für einen goldstrahlenden, vom Chor herrlich  entflammt aufgegriffenen Moment: „Die Nacht ist vergangen!“