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Kultur Ein einziges Mal zuckte die Braue
Nachrichten Kultur Ein einziges Mal zuckte die Braue
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20:10 08.07.2014
Von Beate König
Ließ beim SHMF-Konzert in der Holstenhalle in Neumünster ein Fotoverbot aussprechen: Max Raabe, hier bei seinem Konzert im Juni 2013 im Kieler Schloss. Quelle: Weber (Archiv)
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Neumünster

Max Raabe ist, auch wenn er seit Kurzem Moderneres singt, ein Künstler, der Extreme zum reizvollen Gesamtkunstwerk zu verbinden weiß. Die Stimme mit den sensationellen Tonschmelz-Qualitäten ist ein Ingredienz. Raabes in jedem lang gedehnten Vokal, in jedem genussvoll gerollten „R“ hörbare Liebe zu prononcierter Aussprache, sind ein phänomenales zweites. Ein drittes: Die kontrastreichen Figuren, die Raabe mit kleiner Geste und großartiger Stimmwandlerkunst gestaltet.

 Changierend zwischen großäugig verschüchtertem Musterschüler, dem man gerade das Schulbrot geklaut hat und welterfahrenem Connaisseur, der seiner alten Masche, mit der er lässig jede Schöne herumbekommt, hörbar überdrüssig ist, siedelt er das nölig gesungene Kompliment „Sie sind ganz reizend“ an. Untertouriger geht nicht. Das Publikum lacht. Doch Raabe kann auch ganz anders: Für Nur eine Stunde wünsch ich Dich wählt er schönstes, leidenschaftlich-klares Belcanto.

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 Die bis zur Bewegungslosigkeit einer lebenden Statue kultivierte Contenance-Show des Sängers tut ein Übriges. Ein Salonlöwe, der wie in vollem Bewusstsein seiner Dekadenz in lässiger Eleganz am Pianoforte lehnt, während das Palast Orchester quirlig Dampf macht, ist eine Haltung. Der Meister der unentgleisbaren Züge nimmt sie ein, wenn die elf Musiker ihre Multitool-Fähgkeiten unter Beweis stellen: Jeder spielt mindestens zwei Instrumente, drei singen mit Max Raabe im Quartett Guter Mond, du gehst so stille.

 Das Publikum – zumindest in den ersten Reihen – hängt mit den Augen gebannt an diesem Herrn im Bessere-Gesellschafts-Outfit, um jede Veränderung zu entdecken: Mit leicht nach vorn geschobener linker Schulter, den Kopf hoch erhoben, der leicht gebogene Körper selten schwankend, Lackschuhe wie festgeschraubt am Boden, steht Raabe am Mikro. Ein einziges Mal zuckt die Braue, bei Küssen kann man nicht alleine, zur Schnute wird der Mund bei Mein kleiner grüner Kaktus. Mimische Großevents, die mehr Publikum verdient hätten. Das Bühnengeschehen wurde für die hinteren Reihen jedoch nicht auf Leinwand übertragen. Raabe ließ zudem ein Fotografierverbot aussprechen.

 Die Moderation ist knapp, zugunsten der Musik. Ob Kurt Weill oder Friedrich Hollaender, Raabe nennt bei jedem Stück präzise Texter und Komponisten. Das Programmheft bleibt jedes dieser Konzert-Details schuldig. Ein echtes Manko.