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Kultur Nostalgiecomedy mit Släpstick
Nachrichten Kultur Nostalgiecomedy mit Släpstick
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15:55 28.07.2019
Von Oliver Stenzel
Släpstick bei ihrem Auftritt in Kiel. Quelle: Axel Nickolaus
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Kiel

So nah an der Bühne werden die Stuhlreihen im Schloss selbst bei den begehrtesten Konzerten des SHMF sonst nicht aufgestellt. Bei Släpstick hat dies keineswegs nur mit der Nachfrage zu tun. Denn so gerät der Gast zugleich in Reich-, Griff- oder auch Sturzweite der niederländischen Musiktheatergruppe, die während ihres zweistündigen Auftritts kontinuierlich auf Interaktion mit dem Publikum setzt.

Saxofonist interagiert mit dem Publikum

Das geht schon los, bevor die Vorstellung angefangen hat. Während man sich seinen Platz sucht, herrscht vor dem nostalgisch gestalteten Bühnenbild bereits viel Betrieb. Die Künstler sind hier unübersehbar mit den Vorbereitungen zu ihrem Auftritt beschäftigt, dazu klimpert und qualmt das mechanische Klavier.

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Und ehe man sich versieht, hat einem Jon Bittmann einen Schnurrbart gemalt. Denn der Saxofonist und Klarinettist von Släpstick streift eifrig durch die Reihen, gibt sich wie ein erfahrener Logenkartenbesitzer, bietet Bonbons an oder zückt in Sekundenschnelle den Schminkstift.

Bei Släpstick muss man mit allem rechnen

Auch wenn nicht jeder Besucher erpicht auf ein solches Souvenir ist: Wer sich Karten für eines der beiden Kieler Gastspiele von Släpstick gekauft hat, muss mit allem rechnen. Die größten Streiche spielen sich die Mitglieder des Quintetts allerdings untereinander. Kaum eine Szene vergeht ohne Gefahr für Leib und Instrumente, die auch in zerlegter Form noch vortrefflich tönen. Denn artistisch-mimisches und musikalisches Können halten sich bei Släpstick eindrucksvoll die Waage.

In dieser Hinsicht sind die Mitglieder der Truppe Vorbildern wie den Marx Brothers oder Laurel und Hardy sogar überlegen. Letztere werden in der ersten Programmhälfte mit einem schönen Synchrontanz zum gleichzeitig ablaufenden Schwarzweißfilm ausdrücklich geehrt. Musikalisch schicken Släpstick ihre Zuschauer ansonsten mit originell arrangierten Instrumentals, aber auch mit auf Mono-Sound getuntem A-Capella-Gesang auf Zeitreise.

Schlagzeuger rotiert

Oft wird dabei im Hintergrund der nächste Gag vorbereitet. Wie die Musik wird auch der Spaß hier noch von Hand gemacht, weshalb sich die Show trotz blitzschneller Attacken auf die Lachmuskeln zugleich in aller Ruhe entwickelt.

Der Flirt mit der Gegenwart ist dabei keineswegs tabu. Neben Klassikern wie der auf Deutsch im Comedian-Harmonists-Stil gesungenen Version von Hal Davids und Burt Bacharachs „Raindrops Keep Fallin’ on My Head“ darf man hier etwa auch eine dynamische Funk-Brass-Version von Princes Achtzigerjahre-Hit „Darling Nikki“ genießen.

Schlagzeuger Rogier Bosman wird dazu von seinen Kollegen mitsamt seinem Drumset dem Reich der Zentrifugalkraft preisgegeben – einer der spektakulärsten Momente der ersten Programmhälfte, die bereits ein ganze Stunde dauert.

Kissenschlacht mit dem Publikum

Nach der Pause geht es ruhiger zu, und während Släpstick hier die melancholischen Seiten ihres Retro-Trips unterstreichen, nehmen sie sich zugleich auch ein bisschen den Wind aus den Segeln.

Vor dem Hintergrund des vorhergegangenen Possenspiels wirkt dabei auch Willem van Baarsens Versuch, Irving Gordons „Unforgettable“ in der Rolle eines an Demenz und Schüttelkrankheit leidenden Alten darzubieten zwar gekonnt, aber auch despektierlich.

Eine große Kissenschlacht mit dem Publikum zum von großem Applaus begleiteten Finale lässt solche Momente rasch vergessen. Wer einen Schnurrbart riskieren mag: Für die Wiederholung der Show am heutigen Sonntagabend gibt es noch Billets.

Klicken Sie hier, um weitere Bilder von dem Auftritt von Släpstick im Juli 2019 in Kiel zu sehen.
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