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Kultur Klassenfahrt-Feeling beim Klassik-Festival
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12:30 17.08.2019
Von Christin Jahns
120 junge Musiker leben und proben während des SHMF im Nordkolleg in Rendsburg. Quelle: Christin Jahns
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Rendsburg

Eine grüne Oase mit Sitzecken, Hängematten und Beachvolleyballfeldern, ein dezenter Essensduft und dazwischen immer wieder leise Melodien, die durch die sommerlich warme Luft über das Gelände wehen.

Das Nordkolleg in Rendsburg liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Nord-Ostsee-Kanal. Von Juli bis September beherbergt die kulturelle Bildungsstätte 120 junge Musikstudenten, die ihre Instrumente in großen Rucksäcken und Koffern über das Gelände tragen.

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Ein Blick hinter die Kulissen des Orchester-Lebens in Rendsburg.

SHMF-Orchester mit Musikern aus 28 Ländern

USA, China, Luxemburg oder Türkei: Die Nachwuchsmusiker des Schleswig-Holstein Festival Orchesters stammen aus 28 Ländern. Dafür hört man auf dem Campus überraschend oft Gespräche auf Deutsch. „Die Zahl professioneller Orchester ist hier vergleichsweise hoch. Deswegen kommen viele junge Musiker zum Studieren und Arbeiten nach Deutschland“, erklärt Benedict Arnold vom Orchesterbüro.

Marco Gomez aus den USA hat extra für den Aufenthalt in Schleswig-Holstein Deutsch gelernt. Der 21-Jährige spielt schon seit seiner Kindheit Bass-Posaune und studiert Musik in New York. Auf die Idee, sich beim Festivalorchester zu bewerben, haben ihn seine Lehrer gebracht. „Sie haben früher selbst hier gespielt, und für mich als Amerikaner ist dieses Festival eigentlich die einzige Möglichkeit, einen ganzen Sommer in Europa zu verbringen.“

120 Nachwuchstalente bekommen ein Stipendium

Von etwa 800 Kandidaten, die sich beim Vorspielen in Nord- und Südamerika, Asien, Europa sowie dem Nahen Osten für einen Platz im Festivalorchester bewerben, bekommen nur 120 Nachwuchstalente ein Stipendium und damit die Möglichkeit, während des Sommers von den Besten zu lernen. Mit Stimmgruppen- und Kammermusikunterricht sowie Orchesterproben, die jeweils von 10 bis 13 und von 15 bis 18 Uhr in der Thormannhalle auf dem Gelände des Kunstwerk Carlshütte stattfinden, ist der Arbeitstag der Musiker prall gefüllt.

Am Nordkolleg treffen so Profi-Orchester und Herbergs-Charme aufeinander: „Unsere Zimmer sind mit zwölf Quadratmetern für drei Leute mit Instrumenten schon recht klein“, sagt Aaron Schuirmann. Der 21-jährige Fagottist stammt aus Henstedt-Ulzburg und studiert Musik in Lübeck. „Mit den ganzen Leuten und den Etagenbetten ist die Atmosphäre vielleicht am ehesten mit einer gigantischen Klassenfahrt zu vergleichen.“ Andere Stipendiaten sprechen auch von Künstler-WG oder gar Reality Show.

Das sauberste Zimmer bekommt einen Preis

Dazu passend haben die Reinigungskräfte sich eine ganz besondere Aktion für die Musiker einfallen lassen: „Es gibt ein wöchentliches Ranking, welche Zimmer am saubersten sind“, erzählt der 21-Jährige. „Der Gewinner bekommt eine Krone, einen Pokal und Medaillen aus Gummibärchentüten. Die schlimmsten Zimmer bekommen einen Aufkleber mit der Aufschrift „Hilft alles nix! Augen zu und durch!“. Das ist schon eine Motivation.“ Auch beim Essen werden sowohl Klassenfahrt-Klischees als auch Vorurteile gegenüber Deutschen erfüllt: „Es gibt jeden Tag Kartoffeln in den unterschiedlichsten Variationen – das ist was Besonderes, wir lieben das“, erzählt Horn-Spieler Berat Efe Sivritepe aus der Türkei.

Allen Späßen zum Trotz sind die sieben Wochen in Rendsburg für die jungen Musiker harte Arbeit. Während in der ersten Woche die verschiedenen Instrumente getrennt Unterricht haben, proben ab der zweiten Woche alle gemeinsam im Orchester. An den Abenden wird zudem Kammermusik gespielt oder es finden Konzerte statt. „Einige Stücke proben wir das erste Mal eineinhalb Tage vor dem Auftritt im Orchester“, erzählt Saxophon-Spieler Domen Koren (24) aus Slowenien. „Das ist so kurz, aber auf diese Weise bekommen wir einen Eindruck davon, wie unser Berufsleben einmal aussehen könnte.“ An den Fähigkeiten der einzelnen Mitglieder auch die schwierigsten Stücke zu spielen, zweifelt beim Orchester niemand. „Die Frage, ob etwas möglich ist, stellen wir uns gar nicht. Jeder hier kann das“, sagt der 24-Jährige. „Die Frage ist nur: Klappt das auch zusammen?“

Bis 22.30 Uhr darf musiziert werden

Da die Zeiten im Orchester begrenzt sind, nutzen viele Musiker die Möglichkeit, in den verschiedenen Probenräumen auf dem Gelände des Nordkollegs ungestört zu üben. Dabei geht es nicht nur um schwierige Stellen, sondern auch um Basics, die man immer wieder trainieren müsse, um nicht aus der Übung zu kommen. Erlaubt ist das bis 22.30 Uhr.

Wer dann noch Energie hat, trifft sich am liebsten in der Bar im Untergeschoss, die je nach Stimmungslage täglich bis spät in die Nacht geöffnet hat. „Es gibt hier unterschiedliche Charaktere, und jeder hat einen anderen Rhythmus. Aber das sind alles Profis, und egal wie lange es abends geht, am nächsten Morgen ist jeder pünktlich bei der Probe“, erzählen die Mitglieder des Orchester-Büros, das den Musikern mit Rat- und Tat zur Seite steht und darüber hinaus weitere Aktivitäten wie Filmabende, Yoga, Laser Tag, Wattwanderungen an der Nordsee oder Segel-Touren organisiert, damit die Musiker mal rauskommen und was von der Umgebung sehen.

Rendsburger freuen sich über Musiker

Besonders beliebt sind die Fahrräder, die man sich beim Büro ausleihen kann. Damit fahren die Musiker gerne nach Rendsburg, das im Vergleich zu den Heimatorten vieler Studenten zwar wahnsinnig klein ist, die Musiker aber nicht weiter stört. „In New York würden wir wahrscheinlich gar nicht auffallen“, sagt der Amerikaner Marco Gomez. „Hier werden wir auf der Straße angesprochen oder Leute kaufen uns ein Eis, weil sie sich freuen, dass wir da sind. Das ist ein schönes Gefühl.“

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