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Kultur Zwischen Tradition und Neusicht
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00:22 05.08.2014
Isabelle van Keulen und Daniel Müller-Schott spielten mit dem Schleswig-Holstein-Festival-Orchester unter dem Dirigenten Michael Sanderling. Quelle: Axel Nickolaus
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Kiel

In diesem Konzert stellt sich die Frage nach der idealen Schnittstelle von Tradition und Neuerung. Bei Schostakowitsches Fünfter fällt beides glücklich zusammen: Der altersfrische Kurt Sanderling, der während schwerer Jahrzehnte als Dirigent in der UdSSR wirkte und Schostakowitsch gut kannte, wusste um Aufführungs- und um Verschleierungstraditionen, die gerade für diese Symphonie existenziell sind. Lange galt sie den einen als Werk, mit dem der als Modernist gescholtene und bedrohte Komponist in die Arme des Sozialistischen Realismus zurückkehrte. Andere hörten hier dagegen verdeckten Widerspruch und versteckte Enthüllung stalinistischer Diktatur, und solche Deutung hat Michael Sanderling von seinem Vater künstlerisch geerbt. Entsprechend packt die Wiedergabe durch das hochmotivierte junge SHMF Orchester: von den gewaltigen Steigerungen des Kopfsatzes über das ungreifbar zwischen Volkstümlichkeit und Destruktion angesiedelte Allegretto und die bis zur Auszehrung ausgedünnte Klage des Largo bis zum umstrittenen Finale. Hier setzt Sanderling auf eine Geheimtradition, die die offiziellen Tempoangaben als Tarnung und somit den Schluss ausgesprochen wuchtig, ja tragisch deutet – nicht als überfrohes Ende. Doch kennen wir nicht gerade aus russischer Symphonik den gezielt überzogenen, zwanghaft-„falschen“ Jubel – denken wir an die Finalsätze aus Tschaikowskys Vierter und Fünfter oder den Gewalt-Marsch der Sechsten? Welche Tradition „stimmt“ da? Äußerster Einsatz, souveräne Holzbläser- und Geigensoli, stark gefordertes Blech, das kleine Schwächen schnell überwindet, bilden die Basis für Sanderlings „authentische“ Interpretation.

In den konzertanten Dialogen von Brahms’ Doppelkonzert betonen Isabelle van Keulen und Daniel Müller-Schott überraschend stark die Charaktere von „weiblich“ (Geige) und „männlich“ (Cello). Müller-Schott übernimmt mit ebenso durchsetzungs- wie wandlungsfähigem Celloton die Führung. Er scheut sich nicht, schöne Stellen in aller Pracht & Langsamkeit auszubreiten (auch wo Brahms das Eingangsrezitativ genau „im Tempo“ haben will). In puncto Intensität schlägt er seine namhafte Geigenpartnerin um expressive Längen. Sie reagiert mehr als dass sie selbst die Sache in die Hand nimmt, wirkt anfangs leicht nervös, blickt aber stärker übers schöne Detail hinaus. In der Reprise bilden Geige und Cello dann wirklich ein achtsaitiges Rieseninstrument und erfüllen den langsamen Satz mit intensivem Streichergesang. Im Finale franst das Zusammenspiel mit dem Orchester ein wenig aus, so dass der von Hans von Bülow gepriesene „sphärenhimmlische Schluss“ zwar bewältigt, aber nicht ausgekostet wird. Leider benutzt Sanderling junior 2014 offenbar noch die gleichen alten Noten wie 1996 Sanderling senior. So hört man alte Fehler und Fragwürdigkeiten, obwohl es längst neues, forschungsgesichertes Notenmaterial gibt, erarbeitet von der Brahms-Gesamtausgabe an der Universität Kiel. Schade, dass sich das noch nicht bis zum SHMF und Sanderling herumgesprochen hat. Ansonsten: viel Jubel und zwei Zugaben: die solistische aus Schulhoffs Duo, die orchestrale aus Elgars Enigma-Variationen (Nimrod).