Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Paradies mit Fragezeichen
Nachrichten Kultur Paradies mit Fragezeichen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:39 22.08.2014
Von Oliver Stenzel
Neue Heimat in Hollywood: Daniel Hope widmet sich auf seiner neuen CD europäischen Musikern, die auf der Flucht vor den Nazis ins kalifornische Exil gingen. Quelle: Malandruccolo
Anzeige
Kiel

Herr Hope, auf Ihrer gerade erschienenen CD „Escape To Paradise“, die Sie auch beim SHMF präsentieren, widmen Sie sich europäischen Komponisten, die auf der Flucht vor den Nazis ins kalifornische Exil gingen und dort zu Wegbereitern der Filmmusik wurden. Sie flohen also vor einer schrecklichen Wirklichkeit, um dann eine Musik mitzuerfinden, die viel zu schön war, um wahr zu sein.

 Ja, das ist vollkommen richtig. Hinter dem Begriff „Paradise“ steht für mich daher ein unsichtbares Fragezeichen. Ihre Arbeit in Hollywood hat vielen dieser Komponisten finanziell das Leben gerettet. Sie haben hier Geld verdient und konnten damit andere Familienmitglieder unterstützen, die in Europa geblieben waren. Aber natürlich mussten sie auch von ihren ursprünglichen Visionen als Musiker Abschied nehmen. Oft schrieben sie am gleichen Tag Stücke in sechs, sieben verschiedenen Stilrichtungen: erst einen Cancan, dann einen Walzer, dann noch etwas Cowboy-Musik für einen Western. Wie sie das geschafft haben, ist mir ein Rätsel.

Anzeige

 Ein Komponist wie Wolfgang Erich Korngold beispielsweise, dessen Violinkonzert Sie auf der CD interpretieren, verstand sich ursprünglich als ein Vertreter der musikalischen Moderne und musste sich in Hollywood komplett verwandeln.

 Ja, Korngolds Hintergrund war ursprünglich die Postromantik. Er stand in der Tradition von Komponisten wie Mahler, Strauss oder Zemlinsky. In Amerika wurde dann plötzlich genau die Art von Musik von ihm verlangt, deren Zeit in Europa gerade vorbei ging: große Sinfonik. Er wurde regelrecht in eine neue Richtung geworfen, die er ganz sicher nicht verfolgt hätte, wenn er nicht in Hollywood gearbeitet hätte. Dabei hat er den Klang der Traumfabrik mitgeschaffen. Ironischerweise denken viele Leute, er hätte ihn nur kopiert, wenn sie heute Korngold hören.

 Wollten Sie mit Ihrer abschließenden Solo-Version des Klassikers „As Time Goes By“ die Tragik der Genese dieses Klangs am Ende der CD noch einmal betonen?

 Ja, für mich stellt diese Interpretation eine Art P.S. am Ende einer langen musikalischen Reise dar, die auf dem Album von der Spätromantik bis hin zum Love Theme aus Ben Hur führt. Ich wollte damit unterstreichen, was im Laufe dieser Reise geschehen ist – und dass es dabei nicht nur um wunderschöne schwelgerische Momente geht, sondern auch um Zuflucht. Der Film Casablanca, durch den As Time Goes By berühmt geworden ist, repräsentiert dieses Thema ja auf eine ganz besondere Weise.

 Auch Ihr zweites Konzertprogramm für das SHMF knüpft an eine CD an: Ihr 2011 veröffentlichtes Album The Romantic Violinist – eine Hommage an den Geiger Joseph Joachim, den Sie sehr bewundern.

 Aus meiner Sicht zählt Joachim zu den Künstlerpersönlichkeiten der Romantik, die ihren Geist am perfektesten verkörpert haben. Er war nicht nur ein phänomenaler Geiger, sondern auch ein großer Pädagoge und Konzertveranstalter, der sich in seinen Programmen oft mehr getraut hat, als es seine Nachfolger heute tun. Deshalb finde ich seine Person und sein Repertoire unglaublich spannend.

 Dass Sie in diesem Jahr Zeit für ganze fünf SHMF-Konzerte finden, dürfte auch damit zusammenhängen, dass Sie Ihren Posten als Künstlerischer Direktor der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr abgegeben haben.

 Ich pflege seit jeher sehr enge Beziehungen zu beiden Festivals. Den Entschluss, mein Mandat in Mecklenburg-Vorpommern abzugeben, habe ich gefasst, weil mein Sommer einfach überfüllt war. Es war die Zeit für etwas anderes gekommen. Und tatsächlich ist das auch passiert: Ich bin im vergangenen Jahr zum ersten Mal Vater geworden und freue mich jetzt besonders, Zeit für mein Kind zu haben. Zugleich freue ich mich irrsinnig auf meine Konzerte für das SHMF, denn es ist von allen Klassikfestivals auf der Welt das Festival, mit dem ich am längsten verbunden bin. Ich war hier schon in seinem Gründungsjahr als kleiner Junge bei den Meisterkursen und bin dann immer wieder zurück nach Lübeck gekommen. Das waren vielleicht die musikalisch prägendsten Erlebnisse meines Lebens.

Daniel Hope präsentiert seine Hommage an Joseph Joachim am Donnerstag, 21. August, in Altenhof, am Freitag, 22. August, in Haseldorf und am Samstag, 23. August, in Pronstorf. Alle Konzerte beginnen um 20 Uhr. Seine CD "Escape to Paradise" stellt er am 29. August in Sonderburg (DK) und am 30. August in Norderstedt vor. Kartentelefon: 0431/237070.