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Kultur Perahia-Aplomb und Academy-Brokat
Nachrichten Kultur Perahia-Aplomb und Academy-Brokat
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17:14 21.08.2014
Von Christian Strehk
Der in New York geborene Pianist Murray Perahia beschäftigte sich mit dem Dirigieren, als seine rechte Hand durch eine Sepsis über Jahre, aber zum Glück vorübergehend die gewohnte Spitzenleistung verweigerte. Hier leitet er im Kieler Schloss die Academy of St. Martin in the Fields. Quelle: Nickolaus
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Kiel

Will Perahia beweisen, dass sich Tastenkunst-Apologeten wie Joachim Kaiser irrten? Die feiern zwar seit Jahrzehnten gerne die feinsensorischen Qualitäten des inzwischen 67-Jährigen, trauen ihm aber den ganz großen Beethoven-Aplomb nicht zu. Auch für die beiden auf Tonträger gebannten Zyklen von dessen Klavierkonzerten (unter Haintink und Marriner) gilt: Gelobt wird Perahias freundliche pianistische Zwiesprache mit dem Orchester in den frühen Konzerten – gerade dem fünften aber fehle es deutlich an titanischen Impulsen.

 Im Kieler Schloss ist das anders. Da fällt diesmal mit dem Opus 73 gleich die Tür ins Haus beziehungsweise der Deckel vom Flügel. Perahia drängt den freistrahlend offenen Steinway und die umsitzenden Musiker in die Risiko-Offensive. Da prasseln die (gerne auch mal falschen) Töne und vieles wirkt zunächst etwas hektisch. In raren Momenten aber, ab dem zweiten Satz dann immer häufiger, blitzt die enorme manuelle Qualität des Künstlers auf, der Skalen rauschen und Akkorde ausbalancieren kann, wie nur wenige sonst. Das abschließende Rondo bekommt einen herausfordernd kecken Tonfall, der Frische ausstrahlt.

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 Obwohl Murray Perahia das Gros des Publikums auf diese Weise zu Begeisterung hinreißt, darf man sich auch im heroischen Es-Dur-Konzert ein bisschen mehr Poesie erhoffen. Mehrere in den Noten ausdrücklich als „leise“ ausgewiesene Stellen pflügt der leitende Solist ungewohnt kraftmeiernd unter. Einmal ersetzt sogar ein wuchtiger Faustschlag den Bassakkord. Ansonsten bewahrheitet sich leider die bekannte Warnung: Spätestens das Fünfte der Beethoven-Konzerte braucht unbedingt einen eigenen Dirigenten, damit die Anschlüsse zwischen Tutti und Solo auf den Punkt kommen. Und es braucht einen Solisten der Kopf und Hände für seinen eigenen, extrem anspruchsvollen Part frei hat ...

 Dabei zeigen Perahias langjährige Weggefährten aus seiner Wahlheimat London Charakter. Die Academy of St. Martin in the Fields hat nichts von ihrem wunderbaren Brokat-Klang eingebüßt, den einst Sir Neville Marriner entwickelt hatte. In den Fußstapfen dieses Wiener-Klassik-Masters, dessen 90. Geburtstag man gerade im April in der Heimatkirche am Trafalgar Square mit einem gemeinsamen Konzert gefeiert hat, zeigt sich Perahia in der ersten Hälfte als Inspirator. Mit eher ungewöhnlicher Schlagtechnik befeuert er eine lebendige Interpretation von Joseph Haydns voller Überraschungen steckenden B-Dur-Sinfonie Hob.I:77, energisch bewegt in den pfiffigen Ecksätzen, seidig im Andante und mit schön sonoren Bratschen-Effekten im Menuett. Herrlich ist, wie sich die noble Bläser-„Harmonie“ der Academy in den warm und dicht strömenden Streichersound einschmeichelt.

 Der deutsche Konzertmeister Tomo Keller wirkt lenkend mit. Und er führt zuvor (und ohne den Ersten Gastdirigenten) auch die nicht überall präzise und luzide, aber allemal schön strömende d-Moll-Streichersinfonie des ganz jungen Felix Mendelssohn an. Wäre am Konzertende in Murray Perahia – am besten mit einem Lied ohne Worte als Bartholdy-Zugabe – doch noch der angekündigte „Klavierpoet“ erwacht, man hätte eine runde Sache zu feiern.