Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Das Meer rauschen hören
Nachrichten Kultur Das Meer rauschen hören
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:37 04.08.2014
Der Kopenhagener Dirigent Thomas Dausgaard wird mit dem Swedish Chamber Orchestra alle fünf Mendelssohn-Sinfonien aufführen. Quelle: abrahamsen
Anzeige
Örebro

Mit dem Swedish Chamber Orchestra unter der Leitung des Dänen Thomas Dausgaard sprach unser Mitarbeiter Christoph Forsthoff am Rande der Proben in Örebro. „Schweden und Dänen mögen sich nicht besonders? Nein, von solchen Klischees will der gebürtige Kopenhagener nichts wissen – auch wenn die Historie nicht gerade unbelastet ist. Nicht nur, dass der Dirigent sich schon als Kind in die „gänzlich andere Welt“ Südschwedens verliebt hat, wo er seine Ferien regelmäßig in einem alten Farmhaus verbrachte, nein, vor allem leitet er seit nunmehr 17 Jahren das Swedish Chamber Orchestra (SCO) und hat aus dem Ensemble in dieser Zeit nicht nur eines der weltbesten Kammerorchester, sondern auch einen Trendsetter in der Klassikszene geformt.

 „Ich möchte das Meer rauschen hören.“ Der drahtige 51-Jährige unterbricht die Probe von Mendelssohns Schottischer Sinfonie im Konzerthaus von Örebro. Örebro? Ja, denn eben hier zwischen den ausgedehnten Wäldern Bergslagens und der verwunschen anmutenden Wildnis Tivedens hat das Schwedische Kammerorchester seinen Sitz – mehr als zwei Autostunden westlich von Stockholm. Ein internationales Top-Ensemble in einer 140000-Einwohner-Stadt, deren Umgebung zu 80 Prozent aus Wald besteht und mit zwei der größten Seen des Landes wirbt? Klingt bizarr – und entsprechend groß war denn auch die Skepsis im Rest des Landes, als 1995 nicht zuletzt aus Einsparungsüberlegungen in Örebros Politikerhirnen die Idee entstand, aus drei vor sich hin dümpelnden städtischen Ensembles ein nationales Kammerorchester mit internationaler Ausstrahlung zu bilden.

Anzeige

 Und vielleicht hätten die Kritiker sogar weitere Unterstützer gefunden – wenn da nicht schon nach kurzer Zeit dieser groß gewachsene Däne aufgetaucht wäre. „Er hielt dieses Ziel für realistisch“, erinnert sich Klarinettist Kjell Nytting, der von Anfang an dabei ist. „Einfach würde es natürlich nicht werden, hat Thomas Dausgaard gesagt, aber es sei möglich.“ Und fing an, mit den 38 Musikern ein ganz eigenes Klangbild zu erarbeiten: Transparent, vibratoarm, historisch informiert und inspiriert und vor allem erfüllt von erfrischender Prägnanz. „Anfangs war das schon sehr schwierig für uns , etwa so ganz ohne Vibrato zu spielen“, sagt Konzertmeisterin Katarina Andréasson, man habe viel diskutiert. Doch die Überzeugungskraft des Charismatikers zog.

 Für das Festival kommen die Skandinavier jetzt einem Wunsch Christian Kuhnts nach: Passend zum diesjährigen Mendelssohn-Schwerpunkt schwebte dem neuen Intendanten nämlich ein ganz anderer Blick auf die Sinfonien des Komponisten vor – und da schienen ihm das Ensemble und sein Chefdirigent „eine ideale Besetzung, vor allem, wenn man bedenkt, wie erfolgreich und ungewöhnlich intensiv sie Sinfonien von Schubert, Schumann und Brahms eingespielt haben“. Für eine erfrischende skandinavische Brise im Norden Deutschlands ist also gesorgt. Und auch die Schweden blicken voller Vorfreude dem Gastspiel entgegen, waren sie doch vor mehr als einem Jahrzehnt schon einmal beim SHMF und haben aus jenem Jahr nur die schönsten Erinnerungen, wie Andréasson mit leuchtenden Augen erzählt: „Pferde, Schlösser, Landpartien – und es war ein wunderbar warmer Sommer ...“

Autor: Christoph Forsthoff