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Kultur SHMF: Revolution mit Rock und Rap
Nachrichten Kultur SHMF: Revolution mit Rock und Rap
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15:00 14.07.2013
Von Christian Strehk
Kristjan Järvi leitete sein Baltic Youth Philharmonic. Quelle: Axel Nickolaus
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Kiel

Unablässig, unbeirrbar und vielsagend wortlos brennt sich der Sieben traurige Sterne-Songtitel ins Bewusstsein zurück. Er stammt von Kalnins’ Rockband, mit deren Verbot die Unterdrücker einst meinten, aufbrechende Dämme im Nationalbewusstsein halten zu können. Das symbolträchtige Werk von 1972 (!) wuchs zur instrumentalen Vorhut der „Singenden Revolution“, mit der sich die freiheitssüchtigen Menschen zwei Jahrzehnte später endlich aus der sowjetischen Umklammerung friedlich herauswanden.

Unter der mitreißenden Leitung des amerikanischen Dirigenten Kristjan Järvi, Spross der estnischen Spitzenmusiker-Dynastie, wird durch die Kinder der Revolutionäre ein herrlich rockendes Fanal der Erinnerung daraus, auf das jüngere Komponisten, wie der im Schloss anwesende Gediminas Gelgotas Bezug nehmen können. In seinem überraschend an den Beginn des zweiten Konzertteils gerückten, erst 2012 uraufgeführten Stück Never Ignore The Cosmic Ocean gerät die geballte Jugend an den Pulten sogar verbal und zum Teil halbszenisch rappend so sehr an den Siedepunkt ihres Wir-sind-die-Ostsee-Feelings, dass es überall blubbert, rauscht und mächtige Wellen schlägt. So unverkrampft kann Neue Musik sein.

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Künstlerischer Höhepunkt im Sinne von kunst- und anspruchsvoll ist aber eher die Dritte Symphonie des Esten Erkki-Sven Tüür. Ganz anders als auf der einzig greifbaren, distanziert abgezirkelten Einspielung (beim Label ECM) stürzen sich Järvis überwiegend weibliche Orchestermannen hier mit Verve und hohem Tempo ins Geschehen. Rotzfrech mucken die Kontrabässe auf, wild flattern die Bläserfahnen, genüsslich schwelgen die Streicher in Folk-Song-Erinnerungen, gewaltig chaotisch türmen sich die Akkordballungen, rutscht das Tutti-Geschehen auf und ab. Im zweiten Satz flirren die Obertonreihen im Sinne spektraler Musik. Eine aufreibend packende Interpretation – und das, obwohl da die Rock Symphony noch folgen soll!

Der üppige Zugaben-Reigen (von einer amüsant angejazzten Bearbeitung von Händels Wassermusik bis zur stampfenden Folkore-Adaption), lässt kein bisschen Dampf aus dem Kessel, sondern treibt das Publikum zu später Stunde endgültig in einen völlig berechtigten Glückstaumel.

Järvis elastisches, ausladend animierendes Dirigieren hat im klassischen Repertoire auch seine Schattenseiten. In Richard Strauss’ erster Meister-Tondichtung Don Juan lässt er den Verführer den offenbar eher handfesten Damen manchmal ein bisschen zu direkt an die Wäsche gehen. Sowohl der noble erotische Zauber als auch die tragische Kehrseite von Giovannis panischer Liebes- und Lebenslust kommen zu kurz. Dem dreifach eingeflochtenen Todesakkord mangelt es am jenseitig magischen Frösteln und an austarierter Intonationspräzision. Und in Johannes Brahms’ reifem Doppelkonzert a-Moll op. 102 werden vom Komponisten ausdrücklich geforderte Echo-Kontraste und Kammermusik-Sensibilitäten studentisch „gesund“ ignoriert. Doch in beiden Fällen überwiegt für Spieler und Hörer der Spaß an enorm jugendlichem Schwung.

Die Solisten aus Lettland und Litauen sind ein gutes, aber ungleiches Paar. Die Geigerin Baiba Skride dominiert das Geschehen mit Temperament, Ausdruckskraft und laserstrahlendem Stradivari-Ton, der Cellist Edvardas Armonas kann oder will dem nur Zartfühlendes entgegensetzen. Bis zum völligen Gleichklang der Ostseeanrainer bleibt künstlerisch wie europapolitisch noch ein Stück Wegs. Aber als unvergesslicher Meilenstein taugt das Kieler Konzert allemal.