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19:27 20.08.2014
Von Oliver Stenzel
Matthias Goerne mit dem Ensemble Resonanz in der Christkirche Rendsburg. Quelle: Nickolaus
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Kiel

Schließlich hat die Hamburger Streicherformation nicht nur dessen Originalwerke im Gepäck, sondern auch einen Mendelssohn-Liederzyklus aus der Feder des Komponisten Torsten Rasch. Bevor dieser in der nicht ganz gefüllten Christkirche beginnt, schickt das Ensemble als Visitenkarte Mendelssohns Sinfoniesatz c-Moll voraus. Klar, vibratoarm und angenehm kantig klingt hier das kurze Stück des frühreifen 13-Jährigen – ein Ansatz, der auch die weitere Auseinandersetzung mit seiner Musik prägen wird.

 Dieser passt gut zu Raschs Herangehensweise an Mendelssohns Liedschaffen. Für seinen Liederzyklus Was bedeutet die Bewegung ... hat der aus Dresden stammende Komponist, der in Deutschland vor allem durch seine Auseinandersetzung mit den Songs der Gruppe Rammstein bekannt wurde, sieben Lieder Mendelssohns orchestriert und sie mit kurzen Zwischenspielen versehen. Während diese eigene Kompositionen darstellen, gehen seine Arrangements der Lieder selbst von deren ursprünglichem Klavierpart aus. Im Gesamtergebnis führt dieser Ansatz dazu, dass die Musiktemperatur der romantischen Miniaturen um einige Grad sinkt und sie durch die beklemmenden Interludien in fahlem Licht erscheinen. Mit Matthias Goerne widmet sich dem Projekt ein großer Liedgestalter, dessen immer etwas unbändig wirkender Bariton durch das Ensemble Resonanz scharf eingefasst wird. Der so entstehende musikalische Texturkontrast ist durchaus reizvoll. Mit viel Inbrunst und Mut zur Hässlichkeit hastet Goerne durch Neue Liebe und Suleika, fährt sein Organ in Des Mädchens Klage auch schon einmal auf Opernbühnenformat hoch. Das Ensemble Resonanz dagegen scheint wach und konzentriert die diesen Affekten zugrundeliegenden Strukturen zu offenbaren und präsentiert Raschs Zwischenspiele als kühle Kommentare zu dem gerade Gesungenen. Das Publikum lässt sich von alledem bereitwillig fordern und spendet viel Beifall für das interessante Recomposed-Projekt.

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 Nach der Pause ist Goerne als Interpret von Johann Sebastian Bachs Solo-Kantate Ich habe genug BWV 82 erneut zu erleben, die das Streicherensemble auf der Orchesterebene entschlackt und geradlinig präsentiert. Es ist schon erstaunlich, wie dieser Sänger es versteht, in einen ganz persönlichen Dialog mit dem Werk zu treten und den Zuhörer dabei gleichsam mit in seine Stimme zu nehmen. Dabei entfaltet sich nun auch der Lyriker Goerne, dessen die Kantate durchlebendes Singen ein musikalisches Method Acting für sich darstellt.

 Man hatte nicht erwartet, dass sich das vielförmige Konzert nach diesem eindrucksvollen Programmpunkt noch ein weiteres Mal steigern würde. Aber Felix Mendelssohns abschließendes Oktett Es-Dur op. 20 wird von dem Ensemble Resonanz mit so viel Brio genommen, dass dieser wunderbar sportliche Abschiedsgruß in den größten Applaus des Abends mündet.