Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Mendelssohns Licht- und Geistesblitze
Nachrichten Kultur Mendelssohns Licht- und Geistesblitze
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 13.08.2014
Von Christian Strehk
Der Pianist Jan Lisiecki (re.) und der Dirigent Thomas Dausgaard präsentierten sich auf einer Wellenlänge. Quelle: Axel Nickolaus
Anzeige
Kiel

 Im Kieler Schloss meinte man zum Auftakt einer Konzertreihe mit allen großen Symphonien nun sogar den begabten Aquarell-Maler aus dem zum Christentum konvertierten Bartholdy-Familienzweig heraushören zu können. Denn was der dänische Dirigent Thomas Dausgaard da mit seinen skandinavischen Freunden vom Swedish Chamber Orchestra an Märchenduft in der Melusinen-Ouvertüre, virtuosem Glitzern im d-Moll-Klavierkonzert oder auch an Atmosphäre und gestalterischer Intelligenz in der hier zum Glück ziemlich unschottischen a-Moll-Symphonie hintuschte, zeichnete ein erlesen lichtes und zugleich kerniges Hörbild.

 Die Schweden huldigen einem historisch informierten Spiel, das zumindest mit kleinen Pauken und ventillosem Blech auch „alte“ Instrumente einbezieht und in „altdeutscher“ Formation (mit stereophon verteilten Violinen und links konzentrierten Celli und Bässen) sortiert ist. Entscheidend für ihre klassizistische Klangklarheit ist aber die Tatsache, dass die Streicher – ähnlich wie Roger Norringtons sagenumwobene Stuttgarter – weitgehend auf ein schwiemelnd bebendes Vibrato verzichten. Entsprechend schlank und enorm beweglich traten sie so ins transparente Zwiegespräch mit den plötzlich vollkommen gleichberechtigt in Balance gehaltenen Bläsern ein.

Anzeige

 Der mal sparsam als Lauscher, mal explosiv als Pult-Zampano Zeichen setzende Dausgaard trug ein Übriges zum frappierend überzeugenden Mendelssohn-Musizieren bei. Der Blick in die Symphonie-Partitur bewies, dass hier jeder notierte Akzent, jeder Lautstärkeschweller, jede Artikulation und jede Differenzierung zwischen den Orchestergruppen minutiös umgesetzt wurde. Wann hat man das Pianissimo-Themengeflüster nach der langsamen Einleitung im Kopfsatz je so geheimnisumflort gehört? Wann das folgende Aufblühen so organisch im großen Bogen gesteigert – sogar bis hin zum krönend choralhaft jubilierenden Finale? Alles atmete eine neue Freiheit, von der die nachfolgenden Romantiker, darunter auch der neidisch antisemitische Hochdramatiker Richard Wagner, ohrenfällig einiges gelernt haben.

 Der kanadische Pianist Jan Lisiecki, im vergangenen Jahr beim SHMF mittels des Bernstein Awards auf eine Stufe mit Lang Lang und Kit Armstrong gestellt, erwies sich als idealer Musizierpartner. Einer, der zwar gerne mal ein Chopin-Prelude als Zugabe in den Tasten-Wahnsinn treibt, aber sich ansonsten ganz ins klassizistische Orchestergemälde integriert. Denn sein glasperlenartiger, am Hammerflügel orientierter Klavierton spiegelte die Licht- und Geistesblitze in Mendelssohns Konzert adäquat „presto scherzando“.