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Kultur Calypso- und Barockexzesse
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14:35 11.08.2019
Big Bach und Calypso: Renegades Steel Orchestra. Quelle: Axel Nickolaus
Büdelsdorf

 Vormals gesetzt wirkende Konzertgänger des Schleswig-Holstein Musik Festival schwingen Hüften und Schultergürtel, klatschen (fast) immer taktgerecht afro-karibische Rhythmen und stimmen lauthals in Bob Marleys bekiffte Reggae-Ballade No Woman, No Cry ein. Die coolen Jungs und Mädels von der Sonneninsel vor Venezuela spielen sich und die Tausenden auf der Nordart in Büdelsdorf in Schweiß und Rage. Die beklöppelten Steel Drums schwingen und swingen, es dröhnt und pulsiert, dass sich keiner entziehen kann.

Sidekick zum "Big Bach"-Projekt

Erstaunlich ist, dass sie dabei unter der Leitung von Desmond Waithe auch noch einen hübschen Sidekick zum „Big Bach“-Projekt des SHMF in der Carlshütte beisteuern. Denn vor dem Calypso-Exzess lassen sie Hits des Leipziger Thomaskantors im Wha-wha-Sound schweben. Das Air aus der D-Dur-Orchestersuite, Gounods Ave Maria-Schmonzette auf dem wohltemperierten C-Dur-Präludium oder die Sehnsuchtshymne Jesus bleibet meine Freude wabern wie verzaubert, aber doch wohlig vertraut.

Wohlorganisierte Steel Pans

Und es ist wahrlich gar nicht einfach, die vielen Steel Pans mit ihren genau gestimmten Beulen und ihren verschiedenen Register-Größen (vom Muffin-Backblech bis zum Ölfass) so zu organisieren, dass selbst der maximal virtuose Orgel-Klassiker Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 noch beeindruckend durchhörbar schallert. Erstaunlich ist allenfalls, dass hier nicht ansatzweise der Versuch gestartet wird, Bach zu verjazzen. Man hat in Mittelamerika offenbar (zu viel?) Respekt vor dem Barockmeister.

Eschenbach und das SHFO

Auch der Dirigent Christoph Eschenbach wählt (im dritten Konzertteil nach Signum Saxophone Quartet und Calypso) keinen einfachen Weg, mit seinem Schleswig-Holstein Festival Orchester Johann Sebastian Bach in XXL-Format zu huldigen. Er hätte sich ja auch damit begnügen können, die Monstersound-Bearbeitungen der Spätromantik und klassischen Moderne von der c-Moll-Passacaglia oder C-Dur-Präludium und Fuge BWV 545 strömen und dröhnen sowie Anton Weberns innig mit Orchesterfarben spielende Version des sechsstimmigen Ricercars aus dem Musikalischen Opfer von ewiggültiger Kunst raunen zu lassen.

Hindemith als Höhepunkte

Nein, er will mehr – und das ausgerechnet mit dem „Bürgerschreck“-Potenzial Paul Hindemiths. Ragtime (wohltemperiert) mit Fetzen aus einer Klavierfuge und Konzert für Orchester mit wild aufgegriffenen neobarocken Elementen sind spieltechnisch heftige Herausforderungen für die jungen Musiker aus aller Welt. Aber Eschenbach stachelt ihren Ehrgeiz an, vieles gelingt gut, alles entwickelt einen unwiderstehlichen Zug. Kein Wunder, dass der Maestro gerade für eine Hindemith-CD einen Grammy einheimste.

Zitat-Collage von Bernd Alois Zimmermann

Ohne nähere Erläuterungen und ohne fassbaren Bezug zu Bach, wirkte Bernd Alois Zimmermanns noch wahnwitzigere Zitat-Collage Musique pour les soupers du Roi Ubu ein bisschen angeklebt. Aber das gehört auch zur Magie Eschenbachs: Wenn Wagners Walkürenritt kühn mit Berlioz‘ Hexensabbat aus der Symphonie fantastique crasht, verfehlt er seine Wirkung beim Publikum damit nicht. Ganz ohne Calypso.

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Von Christian Strehk

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