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Kultur SHMF-Start: Mendelssohns Funkenflug
Nachrichten Kultur SHMF-Start: Mendelssohns Funkenflug
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00:35 09.07.2014
Foto: Inspirierende Leitung: Thomas Hengelbrock bringt die NDR-Sinfoniker präzise auf den Punkt.
Inspirierende Leitung: Thomas Hengelbrock bringt die NDR-Sinfoniker präzise auf den Punkt. Quelle: Axel Nickolaus
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Lübeck

Auch die Schirmherrschaft der englischen Königin Elisabeth II. macht dem Ministerpräsidenten Freude, und dass die vielen Unterstützer, Sponsoren und Medienpartner dabei geblieben sind: „Sie alle machen unseren großartigen Musiksommer möglich.“ Umso schöner, wenn aus einem „Event“ dann noch ein wirkliches Ereignis wird! So ist es beim diesjährigen Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals in der Lübecker Musik- und Kongresshalle am Sonnabend (Vorkonzert) und Sonntag mit Chor und Sinfonieorchester des NDR sowie dem Rundfunkchor Berlin unter Leitung von NDR-Orchesterchef Thomas Hengelbrock: Eine packende Aufführung der Kantate Die erste Walpurgisnacht op. 60 bildet das funken- und geistsprühende Eingangsportal zum Mendelssohn-Schwerpunkt 2014. Und mit der Bremer „Urfassung“ des 1. Satzes aus Brahms’ heute selten zu hörendem Triumphlied eröffnet eine Brahms-Sensation das stürmisch gefeierte Konzert.

 Wieso Sensation? Seit Langem ist bekannt, dass Brahms den 1. Satz des Werkes Zum Andenken an die im Kampfe Gefallenen des gerade endenden deutsch-französischen Krieges im traditionellen Bremer Karfreitagskonzert 1871 uraufführte. Was man nicht wusste: Die Bremer „Urfassung“ weicht nicht nur im Verlauf erheblich von der dreisätzigen, durch Kontrafagott und Tuba klanglich aufgerüsteten Endfassung ab, sondern stand damals auch noch nicht in D-Dur, sondern in C-Dur. Entdeckt hat das vor zwei Jahren die junge Bremer Musikwissenschaftlerin Katrin Bock zusammen mit ihrem Doktorvater Ulrich Tadday. Beide fanden im Archiv der Philharmonischen Gesellschaft Bremen die 1871 benutzten Orchester- und Chorstimmen, aus denen sie die – im Original verschollene, sprich: von Brahms vernichtete – Partitur rekonstruierten. Diese führten das auf den Punkt präzise NDR Sinfonieorchester und die fabelhaften Hamburger und Berliner Rundfunkchöre (Einstudierung: Philipp Ahmann) unter der inspirierenden Leitung Thomas Hengelbrocks erstmals seit 143 Jahren wieder auf.

 Was ist anders an der Bremer „Urfassung“ eines Werkes, das Brahms einst – auf Bibelworte aus der Offenbarung, doch als politisches Signal – in national(istisch)er Begeisterung über den deutschen Sieg gegen Frankreich dem deutschen Kaiser „ehrfurchtsvoll“ widmete? Sie wirkt im tieferen C-Dur, in klarerer Doppelchörigkeit und im weniger gepanzerten Klanggewand lichter, weniger jubelfrenetisch als die D-Dur-Fassung. Allerdings möchte man auch diese gern mal so gespannt-geschmeidig hören wie die C-Dur-Urgestalt unter Hengelbrocks „entmilitarisierender“ Leitung. Giuseppe Sinopoli hat da einst in seiner Aufnahme der D-Dur-Fassung gleichsam die Nazi-Stiefel zackig knallen lassen, was der Musik nicht gerecht wurde.

 Ja, es ist schade, dass wir nach der Ur- nicht auch die Endfassung zum sinnlichen Vergleich erleben – zumal die pausenlos folgende „Fünfte“ von Beethoven zwar mit schlanker, in den Streichern vibratoarmer Intensität daherkommt, beim schicksalsschwanger ausgebremsten Klopfmotiv und einigen Tempodehnungen im Finale aber doch manieriert wirkt. Umso mehr überzeugt Hengelbrock mit Mendelssohns Walpurgisnacht nach Goethes Text, der ironisch-geistvoll „Alt“ und „Neu“, aufgeklärtes Heidentum und christliche Hexenfurcht durcheinanderschüttelt. Die Aufführung hat Biss, kostet Mendelssohns Schwung, Ernst, Zartheit sowie seine zunehmenden skurril-dämonischen Instrumentations-Hexenkünste lustvoll aus. Chor und Orchester erscheinen im besten Licht, die Charaktervielfalt und –schärfe der Sänger-Soli frappiert. Das gilt für Christa Bonhoff und Klaus Florian Vogt ebenso wie für Dantes Diwiak, Michael Nagy und Yorck Felix Speer. Packender könnte der SHMF-Sommer kaum beginnen!