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Kultur Musik des Grandseigneurs Romero
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00:41 13.08.2014
Von Oliver Stenzel
 In Kiel gefeiert: Pepe Romero spielte mit dem Festivalorchester unter Pedro Halffter. Quelle: Nickolaus
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Kiel

Der Name Halffter hat in Kiel einen guten Klang. Ende Juni ehrte die Stadt den spanischen Komponisten Cristóbal Halffter, dessen gesamtes Opernwerk am hiesigen Theater auf- und teilweise auch uraufgeführt wurde, mit ihrem Kulturpreis. Nun steht sein Sohn Pedro am Dirigentenpult im ausverkauften Schloss und betont in einer kurzen Ansprache, dass ihm sein Konzert mit dem Festivalorchester viel bedeute. Mit der zehnminütigen Komposition Abadón steht zu Beginn des Abends eine Eigenkomposition des vielfach begabten Maestros auf dem Programm, der parallel zu seiner Dirigentenkarriere in die Fußstapfen des Vaters tritt.

 Das als Zwischenspiel zu einer im Entstehen begriffenen Oper Pedro Halffters konzipierte Orchesterstück kreist um die biblische Gestalt des Abaddon, der in der Offenbarung des Johannes als Engel der Vernichtung auftritt. Es beginnt mit einem fahlen Streicherrauschen, das das Flügelschlagen des Unheilsbringers symbolisiert. Aus einem zunächst von der Klarinette angestimmten Cis-Motiv entwickelt sich darauf durch das ganze Orchester eine Art Bedrohlichkeitsbewegung. Die Ahnung, dass hier nichts Gutes naht, wird wenig später musikalisch eindrucksvoll umgesetzte Gewissheit. Einen kurzen Moment erzeugen die Musiker mit aneinander geschlagenen Steinen eine archaisch anmutende Klangkulisse. Dann folgen rasante Schlagwerk- und Streicherfiguren und das Cis-Motiv taucht als gellende Bläserfanfare wieder auf. Ein starkes, von seinem Schöpfer und dem SHFO hoch konzentriert umgesetztes Stück neueste Musik, das berechtigt den ersten Applaussturm auslöst.

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 Es dauert eine Weile, bis sich die jungen Musiker in Joaquín Rodrigos folgendem Concierto de Aranjuez auf die veränderten musikalischen Maßstäbe eingestellt haben. Zwar setzt Halffter das berühmte Gitarrenkonzert seines Landsmanns aufgeräumt und klangfarblich reizvoll um. Der Balanceakt zwischen dem leisen Soloinstrument und dem es immer wieder überdeckenden Klangkörper des SHFO gelingt aber erst ab dem zweiten Satz besser. Nach über 50 Bühnenjahren können Pepe Romero solche Unstimmigkeiten nichts mehr anhaben. Aufmerksam horcht der Grandseigneur der klassischen Gitarre in sein Instrument hinein und kreiert seinen Solopart vor allem im Einklang mit ihm. Der 70-Jährige, von dem auch die Referenzeinspielung des Werkes stammt, präsentiert auf der Gitarre reife Eleganz, souveräne Virtuosität und sensibel dosierte Rustikalität. Für himmlische Momente sorgt die Kadenz im zweiten Satz, für Standing Ovations die zugegebene Gitarrenfantasie seines Vaters Celedonio Romero.

 Die jungen Musiker nach einem derart fordernden Programm auch in der zweiten Halbzeit in Form zu halten, kann man schon als sportliche Herausforderung betrachten. Pedro Halffter meistert sie, indem er es in Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 5 cis-Moll von Anfang an richtig krachen lässt und die rhythmischen wie atmosphärischen Kontraste der Musik unterstreicht. Die vielen Ausrufezeichen, die der Dirigent dabei setzt, lassen die unausgeprägte Klangschärfe des Orchesters ebenso vergessen wie die vereinzelten Intonationsschwächen. So liegt das Fleisch bei diesem Mahler auf dem Teller, die Knochen an seinem Rand. Eine mögliche Lesart, die die Zuhörer erneut von den Sitzen holt.