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Kultur Selbstgespräche auf Grammel Island
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13:47 21.08.2019
Von Kai-Peter Boysen
Muntere Sympathiebekundung: Sascha Grammel mit „Aaaachim Spironsik“, einem hasenverdächtigen Känguruh. Quelle: Björn Schaller
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Kiel

Schon vor Beginn der Show stehen Menschen Schlange, um sich mit Frederic Freiherr von Furchensumpf beziehungsweise einem Team-Mitglied im Frederic-Kostüm ablichten zu lassen. Der „Adler-Fasan“ ist die wohl bekannteste Figur in Sascha Grammels Puppenkabinett, das während der Fast Fertig-Tour auf der einsamen Urlaubsinsel Grammel Island sein Wesen treibt.

Der Berg Wolfgang kann nur "Kiel" sagen

Nach professioneller Animation lernt das Publikum die erste Puppe auf Grammel Island kennen: Den Berg Wolfgang. Der kann nur „Kiel“ sagen, aber mit derlei Einsilbigkeit ist es bald vorbei, als Käpt’n Frederic ins Spiel kommt. Zwischen Grammel und der Puppe entspinnen sich Dialoge wie: „Einer von uns beiden ist klüger als du.“ „Was, du meinst, wir beide sind dümmer als ich?“

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Das sind teilweise Dialoge auf Kinderbuchniveau, aber auch die zahlreichen jungen Zuschauer wollen mit ins Boot gen Grammel Island. Eine technisch gut gemachte Besonderheit beim Auftritt von Frederic ist, dass die Bauchrednerpuppe sich selbst am Bauchreden versucht.

"Jemand, der die ganze Zeit mit sich selbst spricht“

Das Gute für jemanden, „der die ganze Zeit mit sich selbst spricht“, ist, dass er etwaige Texthänger oder unvorhergesehene Zwischenfälle sofort in der Rolle der Puppe selbst kommentieren kann. Dieser selbstironische Wechsel der Ebenen bietet Raum für Improvisationen, etwa als Grammel den Deckel des Fernrohrs nicht mit der freien linken Hand abziehen kann: „Nimm doch die rechte!“ meint Puppe Frederic und schiebt ein „Hä, hä“ nach; wohl wissend, dass sie von ebendieser Hand gesteuert wird. Die Sockenpuppe Außer Rüdiger, die erst einmal ihre Augen suchen muss, kommentiert den kurzzeitigen Verlust eines Armes mit: „Sorry, ich hab kurz den Faden verloren. Ist nicht dein Tag heute.“

Running Gag mit Lama

Running Gag des Abends ist Sascha Grammels Frisur bedingte, angebliche Ähnlichkeit mit einem Lama, die von allen Puppen aufgegriffen wird. Die Umbaupausen werden mit vorproduzierten Videos gefüllt; solcher Pausen bedarf es, um beispielsweise den monströsen Kopf von „Aaaachim Spironsik“, einem hasenverdächtigen Känguruh, auf der Bühne zu platzieren. Schon amüsant, wie Grammel Augen und Ohren der Puppe steuert; auch die Tatsache, dass er oft selbst lachen muss und somit nicht mehr sauber bauchreden kann, hat durchaus seinen Unterhaltungswert. Ein „Oooh“ der Rührung zieht sich durch die Halle, als die sehr beliebte Schildkröte Josie ihren Auftritt hat. Sie erzählt in Piepsstimme und variabler Mimik von ihrer Jugendfreundin Birte, die sich nach 30 Jahren als einfacher Stein entpuppte.

Und auch der Zauberer kommt zum Zuge

Nach der Pause erinnert ein Trick mit den scheinbar verketteten Metallringen, dass Sascha Grammel auch Zauberer ist. Und obwohl man ja weiß, dass die Ringe irgendwo unter der Hand einen Durchlass haben, ist die Illusion perfekt. Eine Puppe darf natürlich nicht fehlen: Der Doppelhamburger Dr. Peter Hacke. Herrliche Dialoge („Das ist doch unlogisch!“ „Herr Grammel, das ist hier alles unlogisch. Schauen Sie sich doch mal an, mit wem Sie hier sprechen!“) entstehen zwischen Künstler und der Fast-Food-Puppe mit den Gürkchenaugenbrauen. Tosender Applaus für den vielseitigen Puppet-Comedian, da hätte es des emotionalen disneyhaften Orchesterbombasts zum Schluss gar nicht bedurft.

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