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Kultur Ausdrucksfieber in vergifteter Musikwelt
Nachrichten Kultur Ausdrucksfieber in vergifteter Musikwelt
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18:00 23.07.2013
Von Christian Strehk
Mit Neugier und künstlerischem Ernst zu Gast beim SHMF: Gidon Kremer.
Mit Neugier und künstlerischem Ernst zu Gast beim SHMF: Gidon Kremer. Quelle: Kasskara
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Kiel

 „Persönlichkeiten“, so schreibt der wütende Kremer, seien „unter Künstlern heutzutage viel seltener als Menschen ohne Handy“. Um sich auf dem Markt interessant zu machen, blieben viele Künstler inzwischen darin stecken, andere zu imitieren. „Alle von uns haben etwas mit der giftigen Entwicklung unserer Musikwelt zu tun, in denen ,Stars‘ mehr zählen als Kreativität, Ratings mehr als echtes Talent, Zahlen mehr als Klänge.“ Vor lauter Sensationslust sei die Musikwelt „unmerklich vergiftet“. Namen spart Kremer aus, nur Lang Lang und das Opernpaar Netrebko / Villazon werden offenbar als Negativbeispiele verdammt. Den Ritterschlag als „idealistisches“ Gegengift erhalten dafür der Cellist Nicolas Altstaedt, die Geigerin Alina Ibragimova, das Cuarteto Arriaga oder der Pianist Daniil Trifonov.

 Gidon Kremer ist geigerisch betrachtet ohne Frage ein „Star“. Schon Albrecht Roeseler hat sich in seinem Buch Große Geiger unseres Jahrhunderts nicht gescheut, ihn auf eine Stufe mit Jascha Heifetz zu stellen. Der Kritiker schwärmt von dem „phänomenal beherrschten“ Spiel und der „besessenen Qualität“. Und sehr schön wird dort ergänzend die stets „ausdrucksfiebernde“, von „nervöser Unruhe“ bestimmte Interpretationshaltung beschrieben, die immer wieder „geschärfte, ja gebrochene Klänge“ biete und in jeder Passage mit neuartig „schillernden Tonfarbenschattierungen“ überrasche.

 Gidon Kremer, 1947 in Riga als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie geboren, hat sich seine „geniale Eigenwilligkeit“ (Roeseler) bewahrt. Im burgenländischen Lockenhaus schuf er ein Festival, das völlig abseits des kommerziellen Weltmarktes zum einzigartigen Brennpunkt der Kammermusik unter Gleichgesinnten wurde. Inzwischen hat sich „der Neugierige“, wie Roeseler sein Kremer-Kapitel übertitelte, dort zurückgezogen, vermutlich, weil er Routine spürte. Und der hat er sich noch nie hingegeben.

 Das gilt garantiert auch für die Auftritte beim SHMF 2013. Während sich die Berliner Zeitung darüber echauffiert, dass im baltischen Schwerpunktprogramm ausgerechnet der 1948 in Lübeck gestorbene „Vater der lettischen Musik“ Jazeps Vitols „schäbig übergangen“ werde, bringt Kremer mit seiner Kremerata Baltica selbstredend auch baltische Raritäten nach Kiel und Husum. So werden neben allerlei Russischem Werke des litauischen Komponisten Vytautas Barkauskas und des Letten Georgs Pelecis vertreten sein – typisch für einen postmodernen, an historischen Modellen und sogar simpler Folklore orientierten Stil. „Überempfindlich“, wie Kremer geigt, wird auch das ganz ernsthafte Kunst bieten.

 www.shmf.de

Gidon Kremer: "Briefe an eine junge Pianistin", Braumüller Verlag, 18,90 Euro