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Kultur Kuratorin Uta Kuhl benennt auf Schloss Gottorf ihr liebstes Weihnachtsbild
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Schloss Gottorf: Kuratorin Uta Kuhl benennt ihr liebstes Weihnachtsbild

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17:28 23.12.2021
Von Christian Strehk
Hermen Rode (um 1430–1504): Flügel eines Marienaltars mit Darstellungen der Verkündigung und der Geburt Christi, aus der Kirche in Schönwalde, um 1480, Tempera auf Holz, 158 x 63 cm (Inv.-Nr. 1926-206)
Hermen Rode (um 1430–1504): Flügel eines Marienaltars mit Darstellungen der Verkündigung und der Geburt Christi, aus der Kirche in Schönwalde, um 1480, Tempera auf Holz, 158 x 63 cm (Inv.-Nr. 1926-206) Quelle: Foto: SHLM
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„Mein liebstes Weihnachtsbild ist die Darstellung von der Geburt Christi auf dem Flügel eines Altares aus der Kirche von Schönwalde in Ostholstein“, bekennt Dr. Uta Kuhl, die Kuratorin für die Skulpturensammlung, Stiftung Rolf Horn und Landesgeschichte bei der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen auf Schloss Gottorf.

Der von ihr genannte Altar sei Maria, der Mutter Jesu, geweiht und zeige auf der Innenseite, wenn an Festtagen die Flügel aufgeklappt sind, links die Verkündigung an Maria und darunter Christi Geburt. „Der Maler des Altars ist der Lübecker Hermen Rode, der zu den wichtigsten Künstlern seiner Zeit gehört“, so Kuhl. Er habe große Altarretabel nicht nur für Kirchen in Lübeck und Umgebung, sondern auch für Kirchen in den großen Zentren des Ostseeraums, etwa für die Nikolaikirche in Stockholm oder für die St.-Nikolai-Kirche in Tallinn (Reval), geschaffen.

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Die Kunsthistorikerin: „Das Besondere an seiner Darstellung von Christi Geburt ist, dass das Kind nicht in einer Krippe liegt, wie es der Evangelist Lukas berichtet. Stattdessen liegt es auf einem roten Tuch auf dem Boden, und wenn wir heute es so nackt liegen sehen, frieren wir mit ihm und möchten es am liebsten aufnehmen.“

Christi Geburt in der Sicht einer Vision der Heiligen Birgitta von Schweden

Im ausgehenden Mittelalter aber finde sich diese Darstellung häufiger. Sie gehe auf die Heilige Birgitta von Schweden (1303-1373) zurück, die im Jahr 1372 eine Pilgerreise nach Bethlehem unternahm.

Gottorf 1926-206a Rode Hermen-Linker Altarflügel eines Wandaltars.jpg Quelle: SHLM

Dort habe Birgitta eine Erscheinung gehabt, zitiert Uta Kuhl: „Als ich mich bei der Krippe des Herrn in Betlehem befand, sah ich eine sehr schöne schwangere Jungfrau, mit einem weißen Mantel und einem dünnen Kleid angetan […] Mit ihr war ein sehr ehrenwerter alter Mann, und sie hatten einen Ochsen und einen Esel mit sich. [… ] Die Jungfrau nahm die Schuhe von ihren Füßen, entledigte sich des weißen Mantels, den sie trug, zog den Schleier vom Haupte und legte die Kleidungsstücke neben sich. [ … ] In einem Augenblick, gebar sie ihren Sohn, von welchem ein so unsäglicher Strahlenglanz ausging, dass die Sonne nicht mit ihm verglichen werden könnte. … Ich sah indessen sogleich das ehrenreiche Kind nackt und klar scheinend auf dem Boden liegen.“

Das Besondere an Birgittas Vision sei, dass Maria ihr Kind ohne Schmerzen in einem einzigen Augenblick gebar. „Und obwohl das Kind seine Mutter anblickt und ihr das Ärmchen entgegenstreckt, kniet diese in demutsvoller Anbetung vor dem göttlichen Kind. Damit übernimmt Maria die Rolle der Menschen, denen mit der Geburt des Christuskindes die Erlösung verheißen wird.“ Diese Erlösung deute sich auch in der Geburt ohne alle Schmerzen an, denn nach dem Alten Testament waren die Strapazen der Geburt die Strafe Gottes dafür, dass Eva im Paradies von der verbotenen Frucht aß. „Unter Mühen sollst du Kinder gebären,“ heißt es im 1. Buch Mose (Kap. 4).

„Wir wissen heute nicht, wie weit den Betrachtern in der Kirche von Schönwalde vor mehr als 500 Jahren diese Zusammenhänge bewusst waren. Aber wir wissen, dass die Vision der Heiligen Birgitta ab etwa 1400 große Verbreitung fand und vermutlich auch in Predigten Thema war“, so Kuhl weiter. Vor allem habe die künstlerische Verbreitung der Vision einen Wandel in der Darstellung von der Geburt Christi bewirkt. „Die Vision der Hl. Birgitta mag manchen Frauen nicht nur Hoffnung auf Erlösung im Jenseits, sondern ganz naheliegend auch Hoffnung auf eine gute Geburt gegeben haben.“

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