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Kultur Von Heimat zu Heimat
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10:00 26.01.2018
Von Ruth Bender
Auf vier Reisen erkundete der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani Europas Osten bis in den Orient. Quelle: Bogenbergerautorenfotos
Köln

Herr Kermani, Sie sind von Köln nach Isfahan gereist, von Ihrer Stadt in die Stadt Ihrer Eltern. Was haben Sie auf dieser Reise gesucht?

Ich habe keine feste Vorstellung gehabt, wollte einfach schauen, was passiert. Der Osten Europas war ein für mich weitgehend unbekanntes Territorium. Meine Generation ist in der Bundesrepublik nach Westen orientiert aufgewachsen. Frankreich, Amerika, sogar der Orient lagen uns näher als der Osten des eigenen Landes, geschweige denn Polen und Russland. Ich wollte die Gegenwart dort kennenlernen – und wie diese Gegenwart entstanden ist. So war es auch eine Reise durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Sind Sie mit dieser Geschichte umgegangen oder ist sie Ihnen auf der Reise widerfahren?

Beides. Man guckt ja vorher auf die Landkarte und kommt eben nicht an Auschwitz vorbei. Auch nicht an den Schlachtfeldern in Weißrussland oder in Bergkarabach. Es war ja keine spontane Reise, ich habe mich auf jede einzelne Station vorbereitet. Aber man muss auch offen sein für das, was sich ergibt. Zum Beispiel bin ich in Weißrussland viel länger geblieben, als ich geplant hatte. Alle Schrecken des 20. Jahrhundert bis hin zur Nuklearkatastrophe scheinen dort gebündelt zu sein, das Land ist wie einziges Kriegsdenkmal.

Sie sind vier Mal aufgebrochen, haben die Reisen aber zum Tagebuch von 54 Tagen verdichtet …

Ich wollte diese Chronologie schon herstellen, den Fluss des Unterwegsseins zeigen und wie die Länder ineinanderfließen.

Das Buch heißt „Entlang den Gräben“, die sich als eine lange Reihe historischer und gegenwärtiger Kriegsschauplätze darstellen. War Ihnen diese Gewalttätigkeit bewusst?

Nicht in diesem Ausmaß und dieser Allgegenwärtigkeit. Die Traumata der Kriege, der Gewaltherrschaften, des Völkermordes sind dort keine Lektüren, sondern sehr konkret. Das merkt man, wenn man mit den Menschen spricht und es aus ihnen herausbricht. Manchmal auf eine einfache Frage, deren Brisanz einem gar nicht bewusst war.

Sie sind hauptsächlich auf dem Landweg gereist?

Ja, das war wichtig. Nur dadurch bekommt man ein Gefühl für den Raum, für die Weite der eurasischen Steppe oder die Enge, die Völkerdichte im Kaukasus. Die Vernichtung der Juden, die Entvölkerung ganzer Landstriche durch Wehrmacht und SS, das alles ist im Osten Europas passiert. In Deutschland haben wir Stolpersteine, die an die ermordeten Juden erinnern – wenn man das in Vilnius oder Kaunas ins Pflaster legen würde, wäre die halbe Stadt golden. Weil ein Drittel der Bevölkerung jüdisch war.

In Auschwitz, schreiben Sie, wie Sie über den Aufkleber „deutsch“ auf der Brust eine unverhoffte, auch zweifelhafte Zugehörigkeit erfahren ...

Zugehörigkeit ist ja nicht per se etwas Positives. Es ist auch viel Last dabei, zu den Deutschen zu gehören. Natürlich ist es bequem, in Deutschland fremd zu bleiben. Man bekommt Sozialleistungen, Krankenversicherung und so weiter. Und das Unangenehme wie diese Schuld kann man aussparen. Zugehörigkeit ist also auch etwas sehr Heikles.

In Jalta wurden Sie später von Krimdeutschen zu Ihren „Landsleuten“ eingeladen. Auch das ein irritierendes Erlebnis. War die Reise für Sie selbst auch so etwas wie eine Identitätssuche?

Es war keine Suche, es hat sich einfach so ergeben. Und auf der Krim fand ich mich plötzlich eingemeindet bei den Krimdeutschen – einfach durch die gemeinsame Sprache, die gemeinsame und von ihnen geliebte, ersehnte Kultur, als deren Vertreter sie mich wahrnahmen – obwohl ich so ganz anders aussehe, viel weniger deutsch als sie. Es war ganz selbstverständlich, dass wir zusammengehörten. Es war eine sehr schöne Erfahrung, dass man durch die Sprache 2000 oder 3000 Kilometer von Köln entfernt Zugehörigkeit zu Menschen hat, die vor einem ganz anderen Hintergrund leben. Die Literatur, der Klang der Sprache wirken da identitätsstiftender als Herkunft, Rasse oder so ein Mist.

Sie, beziehungsweise „Der Spiegel“, für den Sie berichtet haben, haben natürlich im Vorfeld auch Treffen arrangiert ...

Das muss man auch, damit kann ich ja nicht erst vor Ort anfangen. So eine Unternehmung ist ein immenser journalistischer Aufwand. Wie aufwändig das ist, die Welt zu begreifen, der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, kann sich keiner vorstellen, der zu Hause bloggt.

„Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan“ – das impliziert, dass Europa viel weiter reicht, als wir denken. Das Völkergemisch auf der Krim, die iranischen Einflüsse, da spürt man, dass Verbindungen sehr alt sind.

Ja, es war seltsam, in Eriwan zu stehen und zu fragen, wie man dort zu Europa steht. Natürlich gehört die Stadt, gehört Armenien zu Europa. Dort herrschen Konfliktlagen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sind.

Was macht Europa in Ihren Augen aus?

Man beklagt sich hier oft, Rumänien und Bulgarien hätte man gar nicht aufnehmen sollen. Aber was wäre passiert, wenn man es nicht getan hätte? Womöglich wären die Kriege noch näher gerückt. Europa bietet im Sinne einer Staatengemeinschaft ein Lösung, die für den Westen wunderbar funktioniert hat: weil sie die Unterschiede der Länder bestehen lässt und sogar feiert, aber sie politisch entschärft.

Sie gehören zu den politischen Stimmen unter den Schriftstellern in Deutschland. Ist das eine Last oder eine Herausforderung?

Ich nehme das nicht so wahr. Wenn mich etwas politisch macht, dann, dass mich die Wirklichkeit interessiert. Mich fasziniert es, in fremde Regionen, zu Kriegsschauplätzen zu reisen. Ich bin keiner, der die große Analyse geben kann über den Irakkrieg oder die Krim. Ich bin jemand, der einfach da hinfahren und beobachten will, was passiert.

War es auch ein Weg von Heimat zu Heimat für Sie?

Natürlich, ich habe zu beiden Städten eine starke Verbindung. Beide liegen am Fluss. Ob das Heimat ist? Heimat hat für mich nichts mit Nation zu tun, sondern mit meiner unmittelbaren Lebenswirklichkeit. Die Freunde, die Sprache, was mich jeden Tag beschäftigt. Und das ist so organisch wie Luft, man kann es nicht festhalten. Köln und Isfahan sind aber auf jeden Fall Orte, an denen ich zu Hause bin. Und dazwischen liegen Welten, die ich nicht kenne. Diesen Weg zu machen, das war auch ein Auslöser für die Reise.

Schauspielhaus Kiel, 28. Januar, 19 Uhr. Navid Kermani im Gespräch mit Ministerpräsident Daniel Günther, Spiegel-Redakteur Lothar Gorris. Grußwort Bischof Gothard Magaard. Karten: 0431/901901, theater-kiel.de.

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