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Serebrennikow: Unverhoffte Reiseerlaubnis ermöglicht Proben am Thalia

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17:30 11.01.2022
Von Ruth Bender
Überraschungsgast: Kirill Serebrennikow kann die Proben am Thalia Theater für „Der schwarze Mönch“ selbst leiten.
Überraschungsgast: Kirill Serebrennikow kann die Proben am Thalia Theater für „Der schwarze Mönch“ selbst leiten. Quelle: Marcus Brandt/dpa
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Hamburg

Dass er die Proben vor Ort leiten und miterleben kann, ist nicht die Regel für Kirill Serebrennikow. Der russische Starregisseur, seit 2020 mit einem Ausreiseverbot belegt, nachdem er seit 2017 im Hausarrest lebte, hat seine Inszenierung von Verdis „Nabucco“ an der Hamburgischen Staatsoper (2019) ebenso wie im vergangenen Frühjahr in Wien Wagners „Parsifal“ aus der Ferne inszeniert. Per Video und Zoom.

Serebrennikow war – stark beachtet auch in den westlichen Medien – wegen der angeblichen Veruntreuung von Geldern in Moskau der Prozess gemacht worden. Dadurch hatte der Regisseur, dessen eigenwillige Arbeiten der Obrigkeit nicht ins Bild passen, auch die langjährige Tätigkeit als Leiter des renommierten Gogol-Centers verloren. Die eigentlich vorgesehene Lagerhaft wurde dann im Urteil in ein Ausreiseverbot umgewandelt. Jetzt aber probt der 52-Jährige – nachdem ihm die russischen Behörden unverhofft die Ausreise erlaubten – am Thalia Theater sein jüngstes Stück „Der schwarze Mönch“, das am 22. Januar bei den Lessingtagen (20. Januar bis 6. Februar) Premiere feiert.

Serebrennikow will Tschechow als Gesamtkunstwerk zeigen

„Eine Art poetischer Thriller“, so beschreibt Serebrennikow die weniger bekannte Geschichte des russischen Dramatikers und Erzählers Anton Tschechow (1860-1904), die er mit Thalia-Intendant Joachim Lux als Dramaturg in Szene setzt. Es gehe um Überlebensstrategien, darum, auf welchem Weg man sein Leben rettet, zitiert die Webseite des Thalia Theaters den Regisseur. „Und um einen Mann, der eine Art Parallelleben führt.“ Natürlich hat Serebrennikow, der gern Grenzen überschreitet und Kunstformen mischt, dabei ein Gesamtkunstwerk im Sinn. Mit Video, russischer Live-Band und Opernsängern, die die Thalia-Schauspieler doppeln.

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Ein doppeltes Glück, dass Serebrennikow anreisen konnte – denn auch die Corona-Pandemie macht es derzeit schwierig, internationale Theaterprojekte zu realisieren. „Eine Ermutigung für die Freiheit und eine Ermutigung auch für die Kunst“, so Intendant Joachim Lux in einer Pressemitteilung des Theaters. Und Serebrennikow freut sich ohnehin über den Besuch in Hamburg: „Es ist zugleich die letzte Stadt, in der ich vor dem Hausarrest gewesen bin. Das ist ein gutes Zeichen und bestimmt kein Zufall“, sagte er.

Lessingtage mit großer internationaler Beteiligung

Vielfältig soll es trotzdem werden bei den Lessingtagen unter dem Motto „Celebration of Life“. Dafür sorgt etwa der japanische Regisseur Toshiki Okada, der im Thalia in der Gaußstraße erstmals mit dem Thalia-Ensemble arbeitet und zur Eröffnung der Lessingtage sein Stück „Doughnuts“ inszeniert (21. Januar).

Daneben locken Gastspiele, darunter die „feministisch-öko-faschistische Show“ „Die Welterlöserin“ des dänischen Literaturstars Madame Nielsen (28./29. Januar) sowie das wortlos bildgewaltige Projekt „Sheep Song“ des belgischen Kollektivs FC Bergman (29. und 30. Januar). Und die Schaubühne Berlin ist mit Thomas Ostermeiers Bühnenadaption von Virginie Despentes’ Roman „Das Leben des Vernon Subutex“ mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle (4./5. Februar) zu Gast.

Serebrennikow erst live dabei, dann per Video

Auch Serebrennikow, der nach der Premiere in Hamburg zurück nach Moskau reist, ist während der Lessingtage noch in anderer Form zu erleben: als Filmemacher mit „Leto“ (Sommer) über die Jugendszene im Leningrad der Achtziger, kurz vor der Perestroika. Der Film hatte 2018 bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere. Nach der Vorführung im Thalia (25. Januar) wird Serebrennikow per Zoom zum Filmgespräch zugeschaltet. Auch bei der Podiumsdiskussion „Lebenszeichen“ über die Rolle des neuen Theaters in den Gesellschaften Osteuropas ist der Regisseur am 30. Januar per Video dabei.

Unter www.thalia-theater.de findet sich das ausführliche Programm. Kartentelefon: 040/32814444