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Kultur Sind Sie ein Vorzeige-Deutscher, Jan Josef Liefers?
Nachrichten Kultur Sind Sie ein Vorzeige-Deutscher, Jan Josef Liefers?
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17:00 13.11.2018
Mehr als nur Professor Börne aus dem „Tatort“: Jan Josef Liefers ist Schauspieler, Musiker – und hat sich noch nie davor gescheut, seine politische Meinung zu sagen.
Mehr als nur Professor Börne aus dem „Tatort“: Jan Josef Liefers ist Schauspieler, Musiker – und hat sich noch nie davor gescheut, seine politische Meinung zu sagen. Quelle: Guido Kirchner/dpa
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Herr Liefers, glauben Sie an die zweite Chance im Leben?

Ja, nicht nur an die zweite, sondern auch an die dritte und die vierte Chance. Fast alles kann man nachholen, was man mal versemmelt hat. Vielleicht nicht in der gleichen Weise und manchmal mit anderen Menschen, aber man kann.

Was würden Sie gern nachholen?

Da fällt mir auf Anhieb nicht viel ein. Als Kind hatte ich extreme Freiräume. Meine Eltern haben am Theater in Dresden gearbeitet, ich hatte viel Zeit für mich. Etwas für mich Wichtiges habe ich schon nachgeholt: Bevor ich Schauspieler wurde, wollte ich Musiker werden. Es blieb beim Traum. Als sich dann viel, viel später die Chance eröffnete, eine Band zu gründen, habe ich sie ergriffen.

In Ihrem neuen Kinofilm gibt es eine Band, die auch etwas nachzuholen hat: Sie rauft sich nach einem Jahrzehnte zurückliegenden Streit zusammen und kehrt auf die Bühne zurück.

Ja, der Film „So viel Zeit“ dreht sich um die Kraft der Musik und der Freundschaft, aber vor allem darum, was wir mit unserer Lebenszeit anfangen. Für die Jungs im Film ist die Zeit stehen geblieben, als ihre Band in den Achtzigern auseinanderbrach, das sieht man auch an ihrem Outfit – Richy Müller und ich mussten mit Perücken nachhelfen, um wieder so prachtvolles Haar vorweisen zu können. Und Jürgen Vogel kriegte einen Vollbart verpasst.

Eines der Lieder Ihrer echten Band Radio Doria heißt „Jeder meiner Fehler“: Hadern Sie mit einmal getroffenen Entscheidungen?

Ich versuche generell nicht zu hadern. Und ich mache mir meine Entscheidungen nicht leicht. Sollten sie sich trotzdem als Fehler entpuppen, versuche ich, etwas daraus zu lernen, mache einen Haken dahinter, und weiter geht’s.

Gilt das im Rückblick auch für Ihre Syrienreise, für die Sie 2014 tüchtig auf die Mütze bekommen haben?

Da gibt es gar nichts zu bereuen. Damals gefiel sich Deutschland in so einem Neutralitätsding, nach dem Motto: Wir halten uns aus allem raus, damit nicht alles noch schlimmer wird. Wir haben uns rausgehalten, und es wurde alles noch viel schlimmer. Jeder, der heute in Syrien Bomben schmeißen möchte, tut das. Natürlich nur, um den Terrorismus zu bekämpfen. Das Land ist ein blutiger Kriegsspielplatz geworden, jeder dort verfolgt aufs Brutalste seine Interessen. Die Situation der syrischen Zivilbevölkerung war hoffnungslos, als sich Deutschland und die Staatengemeinschaft entschieden, nichts Wirksames für deren Schutz zustande zu bringen. Aber heute sind wir ganz überrascht, wenn sie als Flüchtlinge vor unseren Türen stehen. Für mich war die Reise eine humanitäre Angelegenheit. Ich wollte auf eine Katastrophe aufmerksam machen.

Für die im Vorjahr erschienene Radio-Doria-Platte „Zwei Seiten“ sind Sie wieder gereist – in den Iran. Warum?

Das war eine Art Trotzreaktion. Der Islam wurde zum neuen, großen Feindbild des Westens. Ein Feindbild, das selbst für gebildete Menschen attraktiv zu sein scheint. Da sind wir eben zum „Feind“ gereist und haben mit ihm musiziert und ziemlich gute Gespräche in Wohnzimmern und Küchen geführt. Ich bin der Meinung, dass wir uns immer auch die andere Seite anschauen sollten – daher der Plattentitel. Aber viele schwenken lieber ihre Nationalfahnen und ziehen Zäune hoch.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Sich von anderen abzugrenzen, um so die Möglichkeit zu haben, sich über sie zu erheben, scheint Teil der menschlichen Natur zu sein. Alles, was dazu dient, wird an den Haaren herbeigezogen, egal ob Hautfarbe, Religion oder kulturelle Unterschiede. Dabei sollten wir uns klugerweise als „Global Citizens“ verstehen, wie Stephen Hawking das in seinen letzten Worten gesagt hat. Wir können nicht mehr wie die Maden im Speck auf Kosten von anderen leben. Die Welt hat sich verändert, auch in Afrika gibt es jetzt Internet. Diese Vorstellung von „America First“, die es weltweit in allen möglichen nationalistischen Spielarten gibt, hat etwas Anachronistisches, Kindergartenhaftes an sich.

Schmerzt es, wenn Pegida in Ihrer Heimatstadt Dresden marschiert?

Mit der Stadt Dresden fühle ich mich innig verbunden, auch wenn ich schon lange in Berlin lebe. Ich erinnere mich gut an die vielen Erzählungen meiner Oma Hilde, einer Dresdnerin durch und durch. Sie hatte die fürchterliche Zerstörung der Stadt im Keller ihres Wohnhauses überlebt – zusammen mit meiner Mutter, die noch ein Säugling war. Als meine Oma nach der schlimmsten Nacht wieder ans Tageslicht geklettert war, standen die Häuser links und rechts nicht mehr. Meine Oma hat viel um ihre Stadt getrauert. Und ausgerechnet in Dresden, zerstört durch einen Krieg, den Faschismus, Nationalismus, Aggressivität und Rassismus erst ermöglicht hatten, werden heute wieder ein paar Hände zum Hitlergruß erhoben. Das ist schon traurig.

Er bringt die Band wieder zusammen: Jan Josef Liefers (stehend) in „So viel Zeit“. Quelle: Universum Film

Gehen Sie in Dresden noch gern durch die Straßen?

Na klar! Auch wenn es in den Medien oft so rüberkommt, aber nicht ganz Sachsen ist ein Nazi-Nest. Dort begegnen einem viele tolle, smarte und freundliche Menschen. Die meisten Sachsen sind eher unglücklich, dass die gesamte deutsche Faschoszene ihr Land als Aufmarschgebiet nutzt. Dass Sachsen heute so stigmatisiert wird, ist nicht gerecht und liegt auch an den Medien und an diesem immer aufgescheuchten Onlinejournalismus, der lieber einem miesen Narrativ den Vorzug gibt, weil das eher geklickt wird.

Ursachen für den erstarkenden Rechtsextremismus werden im Umgang mit der DDR-Vergangenheit gesucht. Hören die Wessis den Ossis nicht gut genug zu, wenn diese von ihren Verlusterfahrungen sprechen?

Das jetzt auf die DDR zu schieben scheint mir etwas einfach. Wir sind alle die Summe aus unseren Genen und unseren Erfahrungen. Die starke rechte Szene im Westen Deutschlands lässt sich nicht mit der DDR erklären. Was bleibt, ist aber schon, dass sich der Westen noch nie für den Osten interessiert hat – das war schon vor dem Mauerfall so. Jeder DDR-Bürger wusste besser über die Bundesrepublik Bescheid als umgekehrt. Rechtlich war die Wiedervereinigung ein Beitritt, dessen Normen und Bedingungen bereits existierten. Nahezu nichts aus der Vergangenheit der DDR-Bürger wurde akzeptiert oder gar gewürdigt. Ja, aus dieser Zeit stammen noch offene Wunden. Aber warum sucht man die Gründe für den erstarkenden Rechtsextremismus nur in der Vergangenheit? Vielleicht fände sich die eine oder andere Ursache auch in der Politik unserer Gegenwart.

Sie haben das Etikett „Vorzeige-Gesamtdeutscher“ aufgedrückt bekommen. Einverstanden damit?

In solchen Labels steckt meistens ein vergiftetes Kompliment. Mir persönlich sind Herkunftsgeschichten nicht wichtig, aber ich erlebe bei meinen Bandauftritten im Osten immer wieder, dass da sogar Jugendliche stehen und sagen: „Herr Liefers, Sie sind auch einer von uns, das finden wir gut.“

Und was antworten Sie?

Ich frage zurück, ob es inzwischen nicht wurscht ist, wo einer herkommt. Dann gucken mich die Kids ganz wichtig an und sagen: „Nein, Herr Liefers, das wird noch lange nicht egal sein.“

In Ihrem Fall ist das nicht wurscht: Sie standen am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz und forderten einen „demokratischen Sozialismus“. Wie sind Sie da aufs Podium gelangt?

Diese Demo war die erste und einzige offiziell beantragte und auch genehmigte Protestaktion gegen die eigene Regierung, die je in der DDR stattgefunden hat. Ich war damals Schauspieler am Deutschen Theater und sympathisierte mit der Bürgerbewegung Neues Forum. Wir haben im Ensemble bewusst auf den Schlussapplaus verzichtet und stattdessen Erinnerungsprotokolle von DDR-Bürgern vorgelesen, die verhaftet, widerrechtlich festgehalten und drangsaliert worden waren. Von Wiedervereinigung war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht die Rede. Wir wollten die DDR-Führung zum Dialog zwingen. Dann machte bei den Organisatoren die Befürchtung die Runde, dass sich die alten Zen­tralkomitee-Heinis auf dem Alexanderplatz nach vorn drängen und die Demo okkupieren könnten.

Und dann?

Wir mussten verhindern, dass sie das Bild dominieren. Jeder Demonstrant auf dem Alexanderplatz hätte sich doch verarscht gefühlt, schon wieder die alten Gesichter vorgesetzt zu bekommen. Wir mussten uns also von denen distanzieren. Ich sollte mir über Nacht eine Rede überlegen, die gleich am Anfang klarmachte, dass wir mit den alten Bonzen nichts am Hut haben.

Wie viel Überwindung hat es Sie gekostet, vor mehreren Hunderttausend Menschen zu sprechen?

Damals habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Ich war 24 und überzeugt davon, das Richtige zu tun. Ich hatte keine Angst vor Konsequenzen. Es gab damals aber ältere Kollegen, die noch die Folgen des Aufstands vom 17. Juni 1953 am eigenen Leib zu spüren bekommen hatten. Manche von ihnen sagten ganz offen, dass sie solche Drangsalierungen wie 1953 nicht noch einmal durchstehen würden.

Würden Sie heute wieder auf die Bühne gehen?

Wenn jemand heute die Welt rettet, dann sind das die jungen Leute. Die Power, die Chuzpe, die Naivität, auch die Selbstüberschätzung der jungen Menschen: All das braucht man, um etwas Schlechtes zu etwas Besserem zu machen. Aber ich bin dabei, wenn es darum geht, sie dabei zu unterstützen.

Wie werden die jungen Leute wohl über unsere Generation urteilen?

Vorwerfen lassen müssen wir uns, wie wir unsere Umwelt vor die Hunde haben gehen lassen. Und wie inkompetent wir in die digitale Zeit gestolpert sind. Jeder andere, der so wie Google oder Amazon in unsere Privatsphäre eindringt, würde sofort in den Knast gehen. Früher mussten Geheimdienstler Wohnungen mühselig verwanzen, heute stellen wir uns freiwillig den Sprachcomputer Alexa ins Wohnzimmer und lassen uns rund um die Uhr abhören.

Und wie sieht es heute mit der sozialen Gerechtigkeit aus?

Eine der besten Ideen überhaupt ist aus meiner Sicht das bedingungslose Grundeinkommen. Klar wird es da Leute geben, die sich in die soziale Hängematte legen, wenn sie jeden Monat Kohle überwiesen bekommen. Aber diese Menschen gibt es heute auch schon. Wenn sich aber jemand nicht mehr um seine Miete sorgen muss, dann hat er so viel mehr Zeit, etwas Sinnvolles, Glücklichmachendes zu tun – womit wir wieder beim Kinofilm „So viel Zeit“ wären. Stellen Sie sich nur mal vor, wie viel Kreativität freigesetzt würde.

Wer soll das bezahlen?

Von mir aus darf die schon so lange diskutierte Finanztransaktionssteuer das gern finanzieren. Wissen Sie, was herauskommt, wenn wir den Handel mit Wertpapieren, Derivaten und Währungen – also nichts, womit Otto Normalverbraucher viel zu tun hat – mit nur 0,05 Prozent besteuern? Über 100 Milliarden. Damit kann man schon ein Grundeinkommen finanzieren. Dazu kommt, dass wir ja dann kein Arbeitslosengeld mehr bräuchten. Vielleicht hier und da ein paar Milliarden Stütze für Bedürftige mit besonderen Belastungen.

Wird sich so eine Steuer je durchsetzen lassen?

Gegen wen, ist die Frage. Aber ich denke ja! Unsere Zukunft hängt von guten Ideen ab, nicht von herumwurstelnden Parteien. Momentan mag es düster an vielen Ecken auf diesem Planeten aussehen – aber vielleicht hat die Gegenbewegung schon längst begonnen. So schnell lässt sich das Licht der Vernunft nicht ausknipsen.

Anna Loos und Jan Josef Liefers. Quelle: Daniel Reinha/dpa

Zur Person: Jan Josef Liefers

Fernseh-Deutschland kennt Jan Josef Liefers als Professor Karl Friedrich Börne aus dem „Tatort“. Doch ist es Liefers gelungen, ein reiches Rollenleben außerhalb des Sonntagskrimis zu entfalten. Im Kino war er in „Rossini“ (1997) und „Der Baader Meinhof Komplex“ (2007) dabei, im TV in „Der Turm“ (2012). Nun spielt er auf der Leinwand in „So viel Zeit“ (22. November) einen verkrachten Gitarristen. Mit dabei: Jürgen Vogel, Richy Müller, Armin Rohde.

Liefers, 1964 in Dresden geboren, hat an der Ernst-Busch-Schauspielschule studiert. Er spielte vor der Wende am Deutschen Theater Berlin und danach am Hamburger Thalia Theater. Einen besonderen Auftritt hatte er am 4. November 1989 in Jeansjacke und mit Topffrisur: Auf dem Alexanderplatz gehörte er zu den Rednern, die der untergehenden DDR die Stirn boten. Liefers’ zweite Leidenschaft gilt der Musik. Seine Frau Anna Loos, ebenfalls Schauspielerin, singt in der Band Silly. Gemeinsam haben sie zwei Töchter.

Von Stefan Stosch