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Kultur Bach-Familie auf Touren gebracht
Nachrichten Kultur Bach-Familie auf Touren gebracht
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15:55 08.08.2014
Dass Sol Gabetta in den Konzerten die Tutti-Passagen mitspielt, um dann ganz natürlich als „Prima inter pares“ daraus hervorzutreten, deutet schon ihre Lust an, auch den Cellopart in Vater Bachs drittem Brandenburgischen Konzert mitzuspielen. Quelle: Axel Nickolaus
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Flensburg

Sol Gabettas millionenschwer geschätztes Guadagnini-Instrument (oder auch ein Ersatz?) ist nun mit jener Art Saiten bespannt, die eigentlich noch bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit waren: Darmsaiten.

Für eine Musikerin aber, die durch die russische Schule geprägt wurde, ist das ein besonders mutiger Schritt. Doch mit dem Barockbogen und entsprechenden Stil- und Spieltechniken hat sich die neugierige 32-Jährige ja bereits in ihrem vielseits gefeierten „Progetto Vivaldi“ vertraut gemacht. Dennoch ist die Musikerin spürbar nervös, als sie sich am Donnerstag auf der Bühne des gut besuchten Deutschen Hauses in Flensburg unter die italienischen Barockspezies von Il Giardino Armonico mischt, um den Solopart im A-Dur-Konzert Wq 172 des 300-jährigen Jubilars Carl Philipp Emanuel Bach zu spielen. Noch zerbrechlich zarter als sonst wirkt hier ihr Ton, munter artikuliert, aber noch nicht beherrschend präsent.

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Wie zuvor in der F-Dur-Sinfonie des älteren Bach-Bruders Wilhelm Friedemann lassen die Italiener unter der katzenhaften Animation von Giovanni Antonini aber keinerlei Langeweile aufkommen, spüren jeder Überraschung, jedem Affektumschlag in der experimentierfreudigen Generation zwischen Barock und Klassik nach.

Doch spätestens im langsamen Mittelsatz, da wo „CPE“, der „Hamburger Bach“, enorm ausdrucksstark sogar schon den Herzschmerz der Romantiker vorauszuahnen scheint, stellt sich Magie ein. Sol Gabetta vergisst zwar gelegentlich, dass sie ihr Vibrato eigentlich stilgerecht zähmen wollte, bietet aber ein Füllhorn an Farben und versenkt sich fesselnd in die vom italienischen Tastenmeister Sergio Ciomei einfühlsam geschriebene Solo-Kadenz. Das Finale sprüht vor Energie. Und im a-Moll-Konzert für Gambe und Blockflöte von Telemann, Bachs Patenonkel und Amtsvorgänger in der Hansestadt, ist die Cellistin dann schon locker bereit zum angeregt plappernden Plausch mit Antoninis Blockflöte.

Dass Sol Gabetta in den Konzerten die Tutti-Passagen mitspielt, um dann ganz natürlich als „Prima inter pares“ daraus hervorzutreten, deutet schon ihre Lust an, auch den Cellopart in Vater Bachs drittem Brandenburgischen Konzert mitzuspielen. Wie zuvor im vierten aus der herrlichen Werkreihe, wo sich Antoninis und Marco Brollis Blockflöten mit Stefano Barneschis Violine an luftiger La-Dolce-Vita-Rasanz zu übertrumpfen versuchen, herrscht jene maximal quecksilbrige Eiligkeit, die man von den CD-Aufnahmen der Giardini Armonici kennt. Das wischt zwar über manches hinweg und wird so nicht allen Facetten mitteldeutscher Kunstfertigkeit gerecht – macht aber Spaß!

 

Das Konzert wird am Sonnabend, 9. August, in Rendsburg wiederholt, ist aber ausverkauft.