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Kultur Widergänger Woyzeck
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14:54 04.04.2019
Von Ruth Bender
Lasse Wagner zeigt, wie Woyzeck heute aussehen könnte. Quelle: Olaf Struck
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Kiel

Eine haltlose Suada ist das, die Wagner mit flattrigen Händen und gehetztem Ton auf der Drehscheibe im Werftpark-Theater loslässt. Büchners an der sozialen Benachteiligung Verzweifelnder und Beobachtungen aus einer heutigen, in die Koordinaten eines Leistungssystems gepressten Welt, treffenin dem Monolog zusammen. Und es ist erstaunlich, wie stimmig Zeiten und Figuren in ruhelos ruppiger Poesie verfließen.

Ein Widergänger von Woyzeck

Wagner entwirft hier eine Figur, die unter dem Namen Johann als Woyzecks Widergänger oder später Nachfahre sichtbar wird. Einer, der genauso mit den Unwägbarkeiten des Arbeitslebens und der Unsicherheit der Liebe hadert. Ruhelos tigert er durch Raum und Text, nestelt fahrig an den Klamotten, ringt mit den Worten und den Bildern im Kopf. Von Marie, der Geliebten, und von dem Kumpel, der in Afghanistan an der Front steht. Und in dem holpernden Redefluss sieht man die Existenz auf der Kippe, den verzweifelten Versuch, gegen alle Widernisse „anständig“ zu bleiben. 

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Zwischen Realität und Wahn

So treibt hier einer durch ein Wechselbad von Erinnerung und Gefühlen, driftet vom Selbstgespräch in die Selbst- und Weltanklage und zurück. Und darunter macht sich die Ahnung breit, dass das, was der junge Mann erzählt, nicht die ganze Wahrheit sein könnte. Lasse Wagner zieht seiner Figur etwas verzweifelt Irrlichterndes ein, zeigt verstörend nah, wie hier einer verloren geht zwischen Realität und Wahn.

Theater im Werftpark. 6., 11., 27. April. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de