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Kultur „Solsidan“ und mehr DVD-Tipps
Nachrichten Kultur „Solsidan“ und mehr DVD-Tipps
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20:30 08.01.2019
Quelle: iStockphoto
Hannover

Solsidan, erste Staffel. „Du kannst doch jetzt nicht mit deiner Mama telefonieren! Ich bin jetzt die Mama hier!“ schreit die schwangere Anna (Mia Skäringer) und pfeffert das Handy ihres Mannes Alex (Felix Herngren) gegen die Wand. Sie sind mitten im Streiten wie zuletzt nicht selten. Aktuell geht es um einen 8100 Kronen teuren Kinderwagen, den Anna von einem geschäftstüchtigen Verkäufer aufgeschwatzt bekam, der zwar alle Sicherheitsfinessen aufweist, aber die Budgetobergrenze weit überschreitet und vom Umtauschrecht ausgeschlossen ist.

Wir sind in Solsidan, einem Städtchen bei Stockholm, in das Alex mit seiner schwangeren Ehefrau zurückgekehrt ist. Seiner Liebsten hat er erzählt, dass die Mutter aus dem Elternhaus ausziehen wird, während er der Mutter versprochen hat, dass sie bleiben kann. Das Glück ist im Nu getrübt: Alex kommt aus dem Lavieren nicht mehr heraus, es gibt einen Nachbarn des Grauens und die Freunde von einst sind Nervensägen geworden.

Der reiche Fredde verschafft Alex ein stetes Gefühl von Konsumdefiziten, der geizige Ove gibt Geliehenes nur schweren Herzens zurück, hängt ansonsten aber wie eine Klette an den Neuankömmlingen. Man kommt aus dem Gnickern über diesen Kleinstadtkosmos nicht hinaus, vieles Überzogene wirkt im Kern merkwürdig vertraut. Daheim, so das Fazit, ist es nur schön, wenn man sich in der Ferne daran erinnert. Die frohe Botschaft: Es gibt fünf Staffeln von dieser überaus vergnüglichen Comedy-Familienserie.

Solsidan, erste Staffel Quelle: Edel

Die Pest, erste Staffel. Im Elendsviertel von Sevilla liegt ein Toter in einer Hütte aus Lumpen und Dreck. Der beigerufene Arzt erkennt an den Beulen an seinem Hals die Pest. Doch statt die Stadt und den Hafen sofort abzuriegeln, um die Verbreitung der Krankheit zu verhindern, warten einflussreiche Geschäftsleute auf Goldschiffe aus der neuen Welt und riskieren ein Massensterben.

In diesem finsteren Jahr 1597 kehrt Mateo (Pablo Molinero) zurück, um eine Schuld an einem verstorbenen Freund einzulösen und dessen Sohn Valerio vor der Seuche zu retten. Weil er im radikalkatholischen Sevilla Bücher über den Protestantismus gedruckt hatte, steht er als Ketzer auf der Liste der Inquisition und kann sich nur vor der Hinrichtung retten, indem er sich bereit erklärt, die Ermittlungen in dem äußerst brutalen Mordfall an einem einflussreichen Kaufmann zu übernehmen.

Während sich in den Farben von Erde, Tod und Trauer ein düsterer Historienthriller à la „Der Name der Rose“ entspinnt, entfaltet Regisseur Alberto Rodriguez vor dem Hintergrund der unerbittlich um sich greifenden Epidemie zugleich das opulente, detailreiche Panorama einer Welt, in der die Mächtigen mit der Gottesfurcht spielen, um ihre Macht zu erweitern.

Religion, Aberglaube, Unterdrückung der Wissenschaft, Sklavenhandel, verbotene Schriften, das Erwachen des Individuums und der humanistische Widerstand gegen alle Bevormundung, die Versprechungen der Neuen Welt und die Slums, die dadurch in den Hafenstädten entstehen, die Situation der Frau in einer strikt patriarchalischen Welt– all das und mehr wird hier weidlich verhandelt.

Und anders als etwa in den historischen Follett-Verfilmungen wirkt das Drama wirklich lebensecht, sieht das Ergebnis nicht wie Fernsehen aus sondern wie großes Kino. In Spanien hatte „Die Pest“ mehr Zuschauer als „Game of Thrones“, eine weitere Staffel ist in Vorbereitung.

Die Pest, erste Staffel Quelle: Polyband

Der Mörder in uns, Staffel 2. Unfassliches geschieht in Stockholm. Hinter einem Königinnengemälde im altehrwürdigen Admiralitätshaus, in dem die amerikanische Präsidentin Helen Tyler untergebracht wurde, befindet sich ein Geheimgang. Durch ebendiesen wird der Chief der freien Welt während ihres Staatsbesuchs in Schweden entführt, woraufhin schwedische Ermittler und FBI zunächst im Dunkel tappen und dann von einer Doppelgängerin genarrt werden.

Die schwangere Kriminalpsychologin Johanne Vik (Melinda Kinnaman) und ihr Lebensgefährte Ingvar Nyman (Henrik Norlén) arbeiten an dem Fall, aus Viks FBI-Vergangenheit taucht ein besonders düsterer Schatten auf – ihr sadistisch veranlagter Ex-Kollege Warren Schifford (Greg Wise) gehört zu den Begleitern der Präsidentin. Der frühere „Sex and the City“-Star Kim Cattrall spielt die First Lady der Vereinigten Staaten in diesem typisch dunklen, gewohnt spannenden skandinavischen Crimedrama, das das Niveau der ersten Staffel hält.

Die Serienmacher hatten dabei nicht etwa auf einen Sieg Hillary Clintons über Donald Trump gesetzt. Anne Holt hatte schon 2006, bevor Clinton ihre Kandidatur für dein Vorwahlkampf der Demokraten gegen Barack Obama bekanntgab, in der Romanvorlage „Die Präsidentin“ eine US-Präsidentin imaginiert. Das Buch allerdings spielte in Holts Heimat Norwegen.

Der Mörder in uns, Staffel 2 Quelle: Edel

Padre. Tim Roth ist ein Gauner im Priestergewand auf der Flucht. Er scheint ein kauziger, komischer Knabe zu sein – einer in den Schuhen von Humphrey Bogart, Peter Ustinov und Aldo Ray in „Wir sind keine Engel“ (1955). Er ist unterwegs in Mexiko, wo er auf das Waisenmädchen Lena (Valeria Henriquez) trifft, die unbedingt nach Minnesota will, wohin ihre Schwester von katholischen Nonnen zur Adoption „verkauft“ wurde.

Gejagt werden die beiden von einem alten Amerikaner (Nick Nolte), der eine Rechnung mit dem Padre offen hat und dabei von einem als moralisches Gewissen fungierenden Mexikaner (Luis Guzmán) unterstützt wird. Regisseur Jonathan Sobol hat ein Gefühl dafür, Mexiko jenseits des Schreckenslandes zu porträtieren, das der amerikanische Präsident und die ihm untertanen Nachrichtensender derzeit malen. Sein Mexiko ist ärmlich, fröhlich, bunt und lebendig.

Die junge Hauptdarstellerin ist sehenswert, gleiches gilt für die drei alten Haudegen, die ihre nicht sonderlich tief schürfenden Charaktere routiniert abliefern. Noltes Synchronstimme kratzt wie ein Stahlschwamm, wenn er seine Vorurteile, seine Verachtung für das Nachbarland ausspuckt und er wirkt dabei wie ein kleiner Trump. Was nicht stimmt, ist die Erzählhaltung. Da ist eine Komödie mit dramatischen Fäden, die immer mal wieder ein wenig zu ernst wird, bevor sie beim Showdown dann ihre letzte Leichtigkeit einbüßt.

Padre Quelle: Sony

Ocean’s 8. Die Zahlen von Danny Ocean’s Ganoventruppe stiegen von elf bis 13, die Filme wurden nicht besser. Jetzt sind es also „Ocean’s 8“,der Boss heißt nicht mehr Danny, der Regisseur nicht mehr Soderbergh sondern Gary Ross („Die Tribute von Panem“). In Zeiten von #MeToo, in denen auch in Hollywoodfilmen ein selbstbestimmteres Frauenbild das vom verführerisch-willigen Häschen ersetzen soll, kommt eine stilvolle weibliche Räuberbande gut – so war wohl die Rechnung.

Und so führt nun Dannys Schwester Debbie eine Mädelsgang an, auch wenn das alte Bandenmitglied Reuben (Elliott Gould) sie von neuen Lebensrisiken abhalten will: „Manchmal reicht es, zu wissen, dass ein Ding funktioniert. Man muss es nicht durchziehen.“ Man vielleicht nicht, Frau aber schon. Einzigartige, unerschwinglich wertvolle Juwelen in einem Tresor 15 Meter unter der Erde müssen erst an die frische Luft, sprich an einen schwanenschönen Superstarhals (Anne Hathaway), um dann auf der großen Met-Gala auf die elegant krumme Tour den Besitzer wechseln.

Die erste Hälfte des Films dient dazu, dem Publikum den Coup vorzustellen und ein diesem angemessenes Spezialistinnenteam zusammenzustellen. Da gibt es einige amüsante Entrees, wie das Anheuern von Helena Bonham Carter als am Boden zerstörter Modedesignerin, die Hathaways Garderobe für den Tag des „Toussaint“-Colliers schneidern soll. Oder Popstar Rihanna, die in digitalen Tagen die für Heist-Movies unverzichtbare Meisterhackerin spielt.

Mit Cate Blanchett, Sarah Paulson, Mindy Kaling und „My Vag“-Rapperin Awkwafina ist die Beauty-Bande komplett. Und sie macht aus einem streckenweise originellen, im Großen und Ganzen aber „Mehr vom Selben“-Drehbuch mit so einigen unglaublich-unglaubwürdigen Momenten das Beste.

Zwar sehen die Damen in den Outfits für ihren glamourösen Auftritt aus wie Hauptpreise, aber das zweite Ziel des raffinierten Rififi ist die Rache, einem von den üblichen, üblen, frauenverratenden Kerlen (Richard Armitage) den schönsten Mittelfinger der Welt zu zeigen. „Packe nie einen Coup in einen Coup“, rät Lou (Blanchett) – aber was will Frau machen?

Ocean’s 8 Quelle: Warner

Preacher, Staffel 3. Ein Priester aus einer dubiosen Familie mit einer paranormalen Begabung, ein Himmel der vom lieben Gott verlassen wurde, eine geheime Gesellschaft, die die Herrschaft auf Erden übernehmen will. Das ist gesetzt. Blutig beginnt die dritte Staffel von „Preacher“ - Held Jesse (Dominic Cooper) und sein Weggefährte, der irische Vampir Cassidy (Joseph Gilgun), kreuzen bei Jesses Oma, einer mächtigen Hexe und Seelenesserin auf, um Tulip (Ruth Negga), die Dritte in ihrem Bunde, aus dem Totenreich zurückzuholen, in das sie am Ende der zweiten Staffel befördert wurde.

Weitere Details über den Inhalt dieser Geschichte zu verraten, gäbe nicht nur den üblichen, indes verkraftbaren Stress mit der Anti-Spoiler-Liga, nein, es würde potentielles Publikum dieser herrlich tarantinesk durchgeknallten Horror-Dramedy verschrecken. Hier treten wie selbstverständlich Gott und Hitler auf und diesmal auch der Teufel höchstselbst.

Der respektlos Religion durch die Kakaos von Pulp und Satire ziehende Comichit aus den Neunzigerjahren von Garth Ennis und Steve Dillon wird trotz deutlicher erzählerischer Eigenmächtigkeiten kongenial umgesetzt. Ein Fest des Kruden und Coolen, dessen Actionszenen choreografiert sind wie für einen großen Hollywood-Blockbuster.

Das Ende ist keins, es bräuchte noch eine vierte Staffel, um den „Preacher“ ans Ende seines Weges zu bringen. Bislang gibt es diesbezüglich keine Ankündigung, vielleicht wird ja wieder Netflix einspringen. Der Streamingdienst hatte kürzlich schon die Fans von „Lucifer“ mit dessen Übernahme vor einem Leben ohne Serienende „gerettet“.

Preacher, Staffel 3 Quelle: Sony

In Darkness. Natalie Dormer war die ehrgeizige Margaery Tyrell von Rosengarten in der HBO-Serie „Game of Thrones“, Ehefrau von gleich drei Königen, bevor sie schließlich einem Attentat ihrer Schwiegermutter zum Opfer fiel. Seit ihrer Beteiligung an der „Königin der Serien“ ist sie vielbeschäftigt in Fernsehen und Kino, war in „The Forest“ im Selbstmörderwald am Fuß des Fujijamas ebenso unterwegs wie in der missglückten Neuverfilmung der Schauergeschichte „Picnic at Hanging Rock“ in der mystischen australischen Wildnis.

In dem Thriller „In Darkness“, geschrieben von ihr selbst und Regisseur Andrew Byrne, spielt sie an der Seite ihrer „GoT“-Co-Stars Ed Skrein (er war der erste Darsteller des Barbaren Dario Nahaeris) und James Cosmo (Jeor Mormont, Kommandant der Nachtwache) die blinde Pianistin Sofia, die gerade mit einem Orchester die Musik für einen Psychothriller einspielt, als ihre Nachbarin durch einen Fenstersturz ums Leben kommt.

Der Todesfall, der kein Unglück war sondern Mord, bringt sie in Kontakt mit dem Vater der Toten, einem mutmasslichen serbischen Kriegsverbrecher. Die scheinbar Hilflose aber ist durchaus wehrhaft und birgt überdies ein Geheimnis. Ein kleiner Blindenthriller in der Tradition von „Warte, bis es dunkel ist“ (1967) mit Audrey Hepburn oder „Blink“ (1994) mit Madeleine Stowe, der mit Überraschungen punktet, und trotz seines überzogenen Endes einen Heimkinoabend wert ist.

In Darkness Quelle: Universum

Skyscraper. Vor zehn Jahren verlor der FBI-Mann Will Sawyer (Dwayne Johnson) bei einem fehl geschlagenen Einsatz in Ash Lake, Minnesota, ein Bein. Im Krankenhaus lernte er seine spätere Frau, die Ärztin Sarah (Neve Campbell), kennen, und jetzt ist er nach Hongkong gezogen, wo sie für die Zwillinge da ist und er zuständig für die Sicherheitsabnahme des „Pearl“.

So heißt der höchste, schönste und angeblich sicherste Wolkenkratzer der Welt, der kurz vor Öffnung seines Wohnbereichs steht. Ein Terrorkommando greift das Gebäude an, in dem ein Feuer ausbricht. Sawyer muss die Angreifer abwehren, seine oberhalb des Brandherdes eingeschlossene Familie retten und sich von dem Verdacht reinwaschen, der Brandstifter zu sein.

„Skyscraper“ ist im Grunde die alte Geschichte der Hybris des Menschen, der im schöpferischen Größenwahn an die Pforten Gottes kratzen möchte und sich nach Öffnen der Tür dem Teufel gegenübersieht. Anders als einst in John Guillermins „Flammendes Inferno“, (1973), der den menschlichen Makel noch deutlich ausstellte, tritt in „Skyscraper“ eine Heldengeschichte in den Vordergrund.

„Skyscraper“ ist ein Spektakel, das vor allem auf Knalleffekte und visuelle Wirkung aus ist und Dwayne Johnson neuerlich als den nettesten, unkaputtbarsten Actionmann des Katastrophenfilms ausweist, der er schon drei Jahre zuvor in „San Andreas“ war. Damals rettete er seine Familie vor der Mutter aller Erdbeben. Und das wird ihm auch diesmal gelingen, da ist sich der Zuschauer beim ersten Aufzüngeln der Flammen sicher.

Skyscraper Quelle: Universal

Creature Designers - The Frankenstein Complex. Für die Freunde von Monstern ist diese Sammlung von Werkstattberichten und Erinnerungen ein kleines Fest, allein schon, weil man all die berühmten Masken und Puppen sieht, die außerordentlichen Arbeiten, die Spezialeffektspezialisten bis in die Tage der Computeranimation leisteten, um paranormale und außerirdische Wesen zum Leben zu erwecken.

Von Boris Karloffs „Frankenstein“-Maske bis zu den Chaostänzen der „Gremlins“, vom Stop-Motion-Genius Willis O’Brien („King Kong“) bis zum Animatronic-Genius Rob Bottin („Das Ding“) werden die immer neuen Pioniere der Illusion gezeigt und viele von ihnen erzählen, wie sie sich verrenkten, um die Visionen der Regisseure umzusetzen und das Publikum von deren Echtheit zu überzeugen: „Glaub‘ das Monster!“, war das Credo.

Auch die widerstreitenden großen Schulen der Bildzauberer treten in dieser englischsprachigen Doku von Alexandre Poncet und Gilles Penso zutage – am Beispiel von Steven Spielbergs „Jurassic Park“, das sich von einem Puppenfilm zum digitalen Abenteuer wandelte.

Ab jetzt machten die klassischen „Puppenspieler“ schwierige Zeiten durch, mussten sich neu definieren oder gingen verloren. Heutzutage geht es wieder verstärkt zurück zu CGI/Animatronics-Hybriden. Edward Chiodo, Designer bei „Team America“ bringt es auf den Punkt: „Die Figur definiert die Technik, nicht die Technik die Figur.“

Creature Designers - The Frankenstein Complex Quelle: Capelight

The First Purge. Die Horror-Sci-Fi-Filme über eine jährliche „Reinigungsnacht“ in den USA, in denen alle Gewaltverbrechen straffrei bleiben, erschienen einem schon immer völlig unglaublich als sozialkritisches Statement, zu durchgeknallt für Satire, zynisch hypothetisch in der Annahme, dadurch gingen die Gewaltverbrechensraten im restlichen Jahr nahe Null.

Die „Purge“-Filme waren weit eher pure Actionspektakel, extrem grausame Johl- und Kreischfilme für ein empathiearmes, junges Publikum, statt Dystopien, die einem die Kehle zuschnürten. Gerard McMurrays „The First Purge“ aber geht zurück an die Anfänge der Schreckensnacht, und stellt das Sozialexperiment einer misanthropischen Psychologin in den Dienst einer neuen, regierenden Rechtspartei, die das weiße Amerika bewahren will, indem es die arme, meist farbige Bevölkerung – im Testlauf beschränkt sich die Mordnacht auf den New Yorker Stadtteil Staten Island - aufeinanderhetzt.

Die Medien sind noch demokratisch, große Teile der Bevölkerung gehen auf die Barrikaden, die Bewohner des Purge-Viertels werden durch Geldversprechen zum Verbleib animiert. Und dann bricht das Chaos los, der Horror, der mit Rotimi Paul als irrlichterndem Psychopathen Skeletor, auch ein Monster enthält. Das gesellschaftssspalterische Treiben des amtierenden US-Präsidenten, das Verschwinden von Anstand und Moral aus Regierung und Verwaltung werden von „First Purge“ gespiegelt.

Noch übertrifft die Fiktion die Wirklichkeit, aber man könnte sich vorstellen, dass einem von allen Zwängen befreiten Trump, einem Mann, der Babys unauffindbar von ihren Eltern trennt, eine solche Purge Night gefallen könnte. Die anderen „Purge“-Filme waren völlig überzogen, Gaga-Spektakel, dieser hier ist (zumindest streckenweise) ein echtes Drama.

The First Purge Quelle: Universal

Wildling. Anna ist von kleinauf eine Gefangene in einem Haus im Wald. Ihren Geiselnehmer nennt sie Daddy, er backt ihr Gummibärchenkuchen zum Geburtstag und bremst ihre Sehnsucht nach der Welt draußen vor der Tür mit finsteren Geschichten über den „Wildling“, ein Wesen, das angeblich alle anderen Kinder schon aufgefressen hat.

Mit 16 Jahren wird sie befreit, zieht bei der Polizistin Ellen Cooper und ihrem jüngeren Bruder Ray ein. Mit ihrem befangenen Verhalten, ihrer Unkenntnis der Welt und ihrer Abneigung gegen Schuhe, wird sie zur Zielscheibe des Spotts. Und dann ist da noch ein seltsamer Obdachloser in Trapperkleidung, den sie zunächst mit dem Wesen aus den Spukgeschichten ihres Entführers identifiziert. Die Ereignisse spitzen sich zu, als die durchaus wehrhafte Anna von einer desaströsen Party flieht – in den Wald hinein, wo sich das Geheimnis um ihre Existenz und um ihren Daddy aufzulösen scheint.

Der Berliner Regisseur Fritz Böhm, bislang eher als Produzent bekannt, legt mit „Wildling“ einen eigenwilligen und trotz einiger Ungereimtheiten und Plausibilitätsschwankungen durchaus gelungenen Mix aus Coming-of-Age-Drama und Horrorstück vor.

Herausragend ist die junge Schauspielerin Bel Powley, deren Gesicht perfekt die Fremdheit Annas in der Welt ausdrückt. Mit Collin Kelly-Sordelet, „Herr der Ringe“-Elbenprinzessin Liv Tyler und Brad Dourif (seit „Einer flog übers Kuckucksnest“ ein Spezialist für unebene Charaktere) ist Böhms Langfilmdebüt ansehnlich besetzt. Einer für Filmfans, die Brian De Palmas „Carrie“ (1976) und Tomas Alfredsons „So finster die Nacht“ (2008) liebten.

Wildling Quelle: Capelight

The Swell – Miniserie. Der schlimmste Sturm seit 650 Jahren trifft auf die Deiche. Das Meer bricht durch, große Teile der Niederlande und von Belgien, vor allem die Städte am Meeressaum stehen metertief unter Wasser. Die ersten Schätzungen sprechen von 25000 Toten, bald sind es mehr. Die Menschen stehen vor dem Nichts, der Premierminister (Gijs Scholten van Aschat), der sich gegen eine Evakuierung entschlossen hatte, aber dessen Frau ihren Vater aus dem Pflegeheim abgeholt hat, wird zum Muster des doppelzüngigen Politikers, zur Hassfigur der Überlebenden.

„The Swell“ alias „Wenn die Deiche brechen“ erzählt, wie sich eine Umweltkatastrophe anbahnt, wie sie hereinbricht und – ausgiebig - was sie alles zur Folge hat. Schon die steten Angaben im Bild, wie tief die Ortschaften und Städte in den Niederlanden und in Belgien unter dem Meeresspiegel liegen, beklemmen den Zuschauer, der weiß, dass das bevorstehende Abschmelzen der Polkappen ähnliche, wenn auch langfristige Veränderungen nach sich ziehen könnte. Hier ist bewohntes Land, dem Wasser abgetrotzt für unbestimmte Zeit.

Die Serie von Karin van der Meer verfolgt das Schicksal einiger Menschen in einer Extremsituation, in der Entscheidungen binnen Sekunden getroffen werden müssen und zum Teil drastische Folgen haben. Sie müssen sich zu Wahrheiten durchringen, mit Schuld auseinandersetzen. Sturm und Flut verändert alle, manche zeigen Größe, andere werden kleinmütig. Nicht jede Tragödie in der Serie erscheint zwingend, manche Figur ist überzogen eindimensional, insgesamt aber wird man als Zuschauer über Gebühr gut unterhalten.

The Swell - Wenn die Deiche brechen Quelle: JustBridge

Our Evil. „Ich hasse alle Menschen“, sagt Charles, der sadistische Auftragsmörder, den Arthur im Darknet ausfindig gemacht hat. Der alleinerziehende Arthur benötigt seine Dienste angeblich, um seine Tochter Michelle zu beschützen, die auf der anderen Seite des humanistischen Spektrums steht und unter dem Motto „Ich mag die Menschen“ Medizin studieren möchte. „Alles, was ich tue, ist zu deinem Besten“, gesteht der stolze Vater ihr bei einem Stück Geburtstagskuchen.

Aber selbst sein wehmütiger Gesichtsausdruck lässt nicht den Schock erahnen, der den Zuschauer zur 38. Minute des Films schier aus dem Fernsehsessel wirft. Was bis dahin ein eigenwilliger Thriller war, driftet nun, als Charles Arthurs Erklärvideo abspielt und eine Rückblende den Zuschauer in Arthurs Jugend führt, zusehends Richtung Horrorfilm.

Was den Mann mit den besonderen Antennen für die Geisterwelt antreibt, welches Spiel der ältliche Clown aus seinen Träumen spielt, bleibt für den Zuschauer lange Zeit im Dunkel. Und obwohl Arthur versichert, es ginge ihm nicht um Moral sondern um ein Urteil, ist „Our Evil“ natürlich zuvörderst ein Moralspiel.

Der klassische Dämon, der in Exorzistenfilmen immer die Unschuld befällt, soll endlich mal einen Menschen richten, der Besessenheit auch verdient hat. Und die guten Seelen finden im Jenseits einen guten Ort, wobei der letzte Gesichtsausdruck des dortigen großen Zampanos da durchaus auch Zweifel erlaubt.

Mit den surrealen Mitteln eines David Lynch hat Regiedebütant Samuel Galli einen religiösen Film gedreht. Emanzipatorisch ist der Film dagegen nur scheinbar. Die Frau als permanentes Opfer bedarf der Rettung durch einen verständigen Mann statt sie aus eigener Kraft zu erlangen. Und die Gewalt in manchen Bildern des brasilianischen Filmemachers ist dabei kaum zu ertragen.

Our Evil Quelle: Pierrot LeFou

Von Matthias Halbig

Handelsübliche Romanze: „Kalte Füße“ (Kinostart: 10. Januar) von Wolfgang Groos bleibt unter dem komödiantischen Mindestniveau.

08.01.2019
Kultur Premiere im Schauspiel - Auf der Suche nach Irma

Kiels Beim Thespis Monodrama Festival gehörte Generalintendant Daniel Karasek zu den begeisterten Zuschauern, die die Kanadierin Haylee McGee und ihr Stück "Oh my Irma" sahen. In der Reihe 17 im Schauspiel-Foyer übernahm nun Agnes Richter die deutsche Erstaufführung.

Ruth Bender 08.01.2019

In Dessau macht sich derzeit in Mini-Bauhaus neben dem Originalbau breit. Während des Jubiläumsjahres des Bauhaus will der Savvy Contemporary Kunstraum eine neue Gestaltungsschule gründen – und zwar im Kongo.

08.01.2019