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Kultur Karasek begeistern die extremen Gegensätze
Nachrichten Kultur Karasek begeistern die extremen Gegensätze
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13:00 23.08.2019
Von Christian Strehk
Neues Sommeroper-Team für die "Aida": Dirigent Benjamin Reiners (li.), neuer Generalmusikdirektor in Kiel, und Regisseur Daniel Karasek. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

„Obwohl ich ja auch, und das sehr gerne, aus der Tradition des deutschen Regietheaters komme und mir drinnen im Haus zum Beispiel sehr genau überlegen würde, ob ich die Ballettmusiken Verdis wirklich tanzen ließe, habe ich keinerlei schlechtes Gewissen, eine Sommeroper rein lustbetont opulent zu bedienen. Ich genieße das!“, so Karasek. Die Würde der Produktion sei ja schon durch die bewusst hohe Qualität der Sänger gewahrt.

Aida als psychologisches Kammerspiel

„Außerdem gibt es ein seltsames Aida-Wunder für mich. Sie ist ja als ,Machwerk’ verschrien. Tatsächlich ist sie aber eine wunderschöne Oper, auch wenn sie tatsächlich für das deutsche Regietheater nicht das dankbarste Objekt ist.“ Man könne zwar politisieren, unterdrückte Sklaven in einer Bananenrepublik zeigen, „aber damit hat es sich auch. Denn der Rest ist tatsächlich ein Liebesmärchen, ein psychologisches Kammerspiel voller Poesie.“

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Eindrücke am Rande der Proben für die Sommeroper "Aida"

Figur der Weltliteratur: Amneris

Der Regisseur begegne da einer der schönsten Figuren der Weltliteratur: „Das ist für mich die ägyptische Königstochter Amneris, eine wahnsinnig aufregende Frau, gerade auch für das 19. Jahrhundert, scheinbar im Schatten der ,passiv-aggressiv-Diva’ Aida, deren Gegenspielerinnen-Nuancen mal mehr, mal weniger eher nur im Leiden liegen. Amneris aber ist eine dramatische Shakespeare-Figur, weil sie etwas will und handelt. Durch sie kommt theatralische Kraft hinein.“ Selbst am Schluss, wenn das Paar Aida und Radames ihrem Liebestod entgegendämmern, bleibe die im Beziehungsdreieck abgehängte Amneris ein Aktivposten.

Machtzentrum irgendwo in Dubai

Man könne vielleicht ein heutiges Resort in Dubai assoziieren, ein Machtzentrum im Nahen Osten, umreißt der Intendant die Ausrichtung seiner mit herbeizitiertem historischen Pomp spielende Inszenierung. „Wir haben sogar einen Lift, der fünf Stockwerke in die Tiefe zu fahren scheint und zwanzig Stockwerke in die Höhe – wo immer das dann auch sein mag ... Man soll ja immerzu hoch hinaus streben“, lacht Karasek.

Feine Orchesterbehandlung

Das Klotzen falle draußen wirklich nicht schwer, stimmt Kiels neuer Generalmusikdirektor Benjamin Reiners zu, der die musikalische Leitung hat. Auch er begeistert sich für die sensible Kammerspiel-Ausrichtung des Werks von 1871. Eine selbst gegenüber dem Don Carlos noch weiterentwickelte Orchesterbehandlung mit personenbezogenen Motiven, die nie schematisch gleich erscheinen, oder zarte Momente zum Beispiel am Beginn des Dritten Aktes.

Aida-Partitur auch in Riesendimension

„Aber es gibt auch die ganz große Dimension, nicht nur im Triumphmarsch, sondern auch am Ende des Zweiten Aktes. Wunderbar ist für mich dieser Moment in der Mailänder Ricordi-Partitur, wo die Stimmen so komplex aufgefächert sind, dass sie dort über je zwei Seiten geschichtet stehen. Das hatte ich noch bei keinem Stück, dass ich während der laufenden Vorstellung die Partitur drehen muss“, so Reiners.

Steckbrief "Aida"

Giuseppe Verdis Operndrama „Aida“ hat eine der interessantesten Entstehungsgeschichten. Mehrfach war an den alternden Großmeister der italienischen Operngeschichte herangetragen worden, etwas für die Einweihung des Suez-Kanals und die Eröffnung des Opernhauses in Kairo zu schreiben. Verdi ging erst darauf ein, als ein Archäologe Anstalten machte, sein an die Historie im Alten Ägypten angelehntes Libretto dem großen Konkurrenten Richard Wagner anzudienen. Für das damals astronomisch hohe Honorar von 150.000 Goldfranken vollendete Verdi im Jahr 1870 die Partitur und ließ eigens neuartige Fanfareninstrumente für den Triumphmarsch konstruieren. Sechs Nachbauten dieser „Aida-Trompeten“ werden auch in Kiel zu hören und zu sehen sein. Im Dezember 1871 wurde die Oper im neuen, genau hundert Jahre später vollständig abgebrannten Khedivial-Opernhaus von Kairo uraufgeführt und trat ihren Siegeszug auf den Bühnen der Welt an.

Sehr präzise Angaben von Verdi

Überhaupt die Partitur mit ihren starken Holzbläserfarben! Während in den Orchester-Stimmen viele Details fehlten oder von falschen Aufführungstraditionen überdeckt würden, fordere Verdi sehr präzise Arbeit bis hin zum Singen mit gedeckelter Stimme („voce cupa“).

Radames und Aida mit Belcanto-Pianissimo

Reiners: „Zum Beispiel enden alle Arien und Duette von Radames und Aida leise nach oben. Was sich im Vorspiel andeutet: Die liebenden Seelen vereinen sich und entschweben irgendwohin nach oben. Ich habe den Stimmen Mut gemacht, das auch umzusetzen. Die Übertragung mit Mikroports garantiert ihre Präsenz. Allerdings erfordert das höchste Belcanto-Kunst. Und man kann unendlich daran proben ...“

Aida-Triumphmarsch und Riesentableau im Duett

Auch Karasek begeistern die extremen Gegensätze. Auf der einen Seite den Triumphmarsch mit 150 Beteiligten und auf der anderen „Bombastisches im Kleinen“, wenn der Priester Ramfis Amneris zum Isistempel am Nilufer führt: „ein Riesentableau mit nur zwei Personen. Genial!“

Daten und Tickets

Sommertheater Kiel. Premiere am 24. August, 20 Uhr. Ticket-Hotline für acht Aufführungen bis einschließlich 1. September: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

Mehr zur Sommeroper lesen Sie auf unserer Themenseite.

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