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Kultur Spinnen die Briten, Rowan Atkinson?
Nachrichten Kultur Spinnen die Briten, Rowan Atkinson?
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22:40 19.10.2018
Starkomiker Rowan Atkinson hat in Hamburg seinen neuen Film vorgestellt. Johnny English muss im dritten Teil der nach ihm benannten Agentenkomödie die Welt vor Cyber-Terroristen retten. Quelle: Geisler-Fotopress/dpa
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Mr Atkinson, sind Sie sauer, wenn Sie auf der Straße als Mr Bean angesprochen werden?

So kennen mich die meisten Menschen nun mal. Das passiert mir dauernd. Ich hoffe allerdings, dass zumindest die Erwachsenen kapieren, dass ich gar nicht Mr Bean bin. Solange ich bei solchen Begegnungen als Mensch behandelt werde und den Leuten klar ist, dass ich ein Schauspieler bin, kann ich gut damit leben.

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Und wenn dies den Leuten nicht klar ist?

Problematisch wird es, wenn sie sich wundern, dass ich mich ganz anders verhalte als auf der Leinwand – oder wenn sie erwarten, dass ich für sie ein bisschen schauspielere.

Fühlen Sie sich in solchen Momenten dazu verpflichtet, komisch zu sein?

Nein, über diese Option denke ich gar nicht erst nach. Aber Sie können sicher sein, dass ich immer versuche, nett und freundlich zu allen Zeitgenossen zu sein. Und ich hoffe, dass die Leute mich so akzeptieren, wie ich bin. Tatsächlich bin ich nämlich – tut mir leid! – eine ziemlich ernsthafte Person, wie Sie nach unserem Gespräch gewiss bestätigen werden.

Tatsächlich? Im Kino spielen Sie nun wieder den Chaos-Spion Johnny English. Die Rolle ist als Bewerbung für die James-Bond-Nachfolge zu verstehen, richtig? Falls Sie den Zuschlag doch nicht bekommen: Wer sollte den Job übernehmen?

Na ja, wie Sie es schon sagen: Vermutlich wird die Besetzung auf mich zulaufen. Es sieht alles danach aus. Falls doch nicht, wird es schwierig. James Bond ist so ein vertrackter Charakter.

Wieso?

Bond hat als Kalter Krieger begonnen, erfunden von Ian Fleming in den Fünfzigern. Er hat immer noch denselben Namen und ist auch immer noch topfit, sieht aber ganz anders aus und hat einen anderen Auftrag. Diese Figur hat regelrechte Mutationen durchlaufen.

Namen, bitte!

Ich habe wirklich keinen Favoriten. Vielleicht macht das Rennen eine Jane Bond oder ein schwarzer oder ein asiatischer Schauspieler. Aber eines ist klar: Wer als James Bond ins Spiel gebracht wird, spürt schon den Todeskuss auf seiner Haut.

Wie meinen Sie das?

Ich würde wetten, dass noch nie jemand James Bond geworden ist, der zuvor öffentlich als James Bond gehandelt wurde. Wenn ich es recht bedenke, würde ich Sie deshalb bitten, meinen Namen in diesem Zusammenhang wieder zu streichen. Anderenfalls, befürchte ich, wird es nichts mit mir als Bond-Erbe.

Die letzte Hoffnung des britischen Geheimdienstes: Rowan Atkinson als Johnny English. Quelle: Imago

Ist Bond-Produzentin Barbara Broccoli ein Fan von „Johnny English“?

Vor ein paar Jahren habe ich sie bei einer Geburtstagsparty getroffen. Wir haben nett geplaudert, und ich hatte den Eindruck, dass sie unsere „Johnny English“-Produktionen keinesfalls hasst. Warum sollte sie auch? Wir sind keine Konkurrenz, sondern liefern eher eine Hommage an die Version eines Spions ab, der im Smoking um die Welt jettet.

Was ist denn so englisch an Johnny English?

Sein unverhältnismäßiges Selbstbewusstsein zum Beispiel. Er glaubt, alles tun zu können und zu dürfen – und jeder andere muss ihm zur Verfügung stehen. Er besitzt keinerlei soziales Einfühlungsvermögen. Johnny English möchte nur seine Fantasien mit schnellen Autos und schicken Anzügen ausleben, am liebsten im sonnigen Süden Frankreichs. Alles andere ist ihm egal. Obwohl, jetzt, da ich darüber nachdenke: Ist so viel Egoismus wirklich besonders britisch?

Können wir aus dem Brexit-Austritt schließen, dass die Briten die Europäer nicht sonderlich mögen?

Da würde ich Ihnen keinesfalls zustimmen. Aber wenn Sie mich mit dieser hinterlistigen Frage in eine Diskussion über den Brexit verstricken wollen: Da wäre ich sehr abgeneigt. Ich will auch nicht darüber spekulieren, was der EU-Austritt für Folgen haben wird. Der Brexit ist eine fürchterlich kontroverse Frage. Er hat einen tiefen Graben durch die britische Gesellschaft gerissen.

Wieso haben Ihre Landsleute bloß dafür gestimmt: Spinnen die Briten?

Für den Austritt haben gerade einmal 3 Prozent mehr Briten gestimmt als für den Verbleib in Europa. Die Entscheidung hätte genauso knapp andersherum ausfallen können.

Warum trifft man im Ausland immer nur Briten, die behaupten, gegen den Brexit gewesen zu sein?

Vermutlich fällt es einfach schwerer, sich zur Trennung von Europa zu bekennen. Und wer geht schon gern zur Beichte? Vielleicht lässt diese Zurückhaltung auch auf das Gift schließen, das im Brexit-Referendum steckt.

Warum sollten wir Europäer umgekehrt noch die Briten lieben?

Weil wir bezaubernd sind! Denken Sie nur an Mr Bean oder Johnny English! Nein, im Ernst: Ich werde jetzt nicht damit anfangen, die Briten zu beweihräuchern. Da gibt es sicher ein paar Dinge, die man an uns nicht unbedingt mögen muss. Aber ich muss niemanden verteidigen. Mein Job ist es, mein Publikum zu unterhalten.

Rowan Atkinson auf der Bühne des Palladium in London bei der Royal Variety Show im Jahr 1980. Quelle: Popperfoto/Getty

Das tun Sie in Ihrem Film zum Beispiel, indem Johnny English eine Rakete auf eine Gruppe südfranzösischer Radfahrer abschießt. Was haben Sie gegen die armen Franzosen?

Ich war tatsächlich ein wenig besorgt, was diesen Gag betrifft. Es ist immer risikoreich, Witze über andere Nationen zu machen. Aber die Produzenten haben gesagt: Das ist schon okay. Das Seltsame ist, dass die Franzosen immer noch diejenigen zu sein scheinen, über die sich ungestraft Witze machen lassen. Danach hagelt es erstaunlich wenig Kritik. Keine Ahnung, warum. Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, mich bei allen Franzosen zu entschuldigen, die sich beleidigt fühlen.

Werden Witze heute leichter missverstanden?

Seit vielen Jahren mache ich mich schon für die Redefreiheit stark. Meiner Ansicht nach ist diese sinnlos, wenn ich nicht das Recht habe, jemanden zu beleidigen. Diese Überzeugung lässt sich aber immer schwerer verkaufen, seit es die sozialen Medien gibt. Der Kampf für Redefreiheit scheint ganz langsam verloren zu gehen. Immer mehr Leute glauben, dass sie das Recht haben, nicht beleidigt zu werden. Vor wenigen Jahrzehnten war das noch ganz anders.

Was also tun?

Wenn sich die Menschheit in diese Richtung bewegt, dann ist das eben so. Ich befürchte, dass sich die digitale Welt schneller bewegt, als unsere Fähigkeit wächst, sich ihr anzupassen. Diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten können Gesellschaften destabilisieren.

Den James-Bond-Film „Sag niemals nie“ kennen Sie gut, Sie haben selbst mitgespielt: Würden Sie „Sag niemals nie“ auch gelten lassen bei der Frage, ob es vielleicht doch noch einen weiteren „Mr Bean“-Film geben wird?

„Sag niemals nie“: Das kann ich auf jeden Fall so stehen lassen. Aber ich würde ebenso sagen: unwahrscheinlich, dass da noch ein weiterer Film folgt.

Wären Sie überrascht, wenn mal irgendjemand auf Ihren Grabstein schreibt: „Hier ruht Mr Bean“?

Interessante Idee. Ja, ich wäre überrascht. Aber nur deshalb, weil ich annehme, dass sich meine Familie um die Grabinschrift kümmern wird, und die weiß ziemlich genau, wer da liegt. Deshalb dürfte ich nicht als „Mr Bean“ beerdigt werden. Aber um das noch mal zu sagen: Ich bin wirklich froh, dass dieser Figur so ein Erfolg beschieden ist – auch wenn sich Mr Bean ganz fürchterlich kindisch und egoistisch verhält.

Gesamtkunstwerk auf zwei Beinen: Rowan Atkinson in seiner Paraderolle als Mr. Bean. Quelle: ©Universal/Everett Collection

Zur Person: Rowan Atkinson

Manchmal ist eine Filmfigur bekannter als der Schauspieler dahinter: Mr Bean ist so ein Fall. Weltberühmt ist dieser Typ, der im Zweifelsfall vor der britischen Queen mit offenem Hosenstall steht und auch sonst in jedes Fettnäpfchen tritt, der anderen gern mal eins auswischt und seine Schadenfreude nur mühsam hinterm harmlosen Spießergesicht verbergen kann.

Rowan Atkinson hat dieses britische Gesamtkunstwerk auf zwei Beinen erschaffen und über die Jahrzehnte perfektioniert – so sehr, dass sein Schauspielerkollege Sean Bean sich schon mal entnervt zu Wort gemeldet hat: Bei ihm lande regelmäßig Fanpost für einen gewissen Mr Bean, mit dem er rein gar nichts zu tun habe.

Ohne Worte kann Atkinson mit Gestik und Mimik allein seine Figur zum Sprechen bringen. „Rubber Face“, Gummigesicht, lautet denn auch Atkinsons Spitzname im britischen Königreich. Er selbst sieht seine Kunst in der Tradition von Charlie Chaplin oder auch Buster Keaton.

Unvergesslich, wie Mr Bean – oder Rowan Atkinson? – bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 im Symphonieorchester von Sir Simon Rattle gelangweilt auf einer einzigen Klaviertaste herumklimperte, zeitweilig sogar mit einem schnöden Regenschirm aus der Distanz.

Dass unendliches komödiantisches Potenzial in Atkinson schlummert, war ihm anfangs wohl selbst nicht bewusst. Atkinson, 1955 in der Grafschaft Durham geboren, studierte zunächst in Oxford Elektrotechnik und brachte es in diesem Fach bis zum Master of Science.

Ende der Siebzigerjahre entdeckte Atkinson in der BBC-Nachrichten-Verulkungsshow „Not the Nine O’Clock News“ sein Talent. In der Fernsehserie „Blackadder“ – wörtlich übersetzt: Kreuzotter – nahm er im Gewand historischer Figuren aus der Elisabethanischen Ära britische Absonderlichkeiten aufs Korn.

Schon Anfang der Neunzigerjahre übte er sich in einer eigenen BBC-Serie als Mr Bean, bevor der internationale Erfolg über ihn hereinbrach: „Bean – Der ultimative Katastrophenfilm“ kam 1997 in die Kinos. Seitdem wird Atkinson diesen unsympathischen Zeitgenossen nicht mehr los, so sehr er mittlerweile auch versucht, ihn auf Distanz zu halten.

Inzwischen hat der Schauspieler umgesattelt. Man könnte ja auch mal eine schon existierende britische Lichtgestalt karikieren. Wie wäre es mit James Bond? Mit dem hatte Atkinson bereits 1982 in „Sag niemals nie“ Bekanntschaft gemacht. Atkinson verkörperte in dem Agentenabenteuer mit Sean Connery einen wunderlichen Angestellten der britischen Botschaft in Nassau.

Inzwischen hat Atkinson selbst die Rettung der Welt übernommen: 2001 war er erstmals in „Johnny English – Der Spion, der es versiebte“ zu sehen. Der Titel dieser schrägen Hommage an den berühmtesten Geheimagenten Ihrer Majestät ist durchaus wörtlich zu verstehen: Alles, was James Bond gelingt, misslingt Johnny English – was diesen nicht daran hindert, sich selbst für den brillantesten Agenten zu halten.

Die dritte Folge der Agentenreihe (nach „Johnny English – Jetzt erst recht“, 2011) ist vorgestern in unseren Kinos angelaufen. Dieses Mal ist English wirklich die letzte Hoffnung des britischen Geheimdienstes: Alle anderen Spione sind nach einer Cyberattacke enttarnt worden – nur der analoge Johnny English nicht, der sich nun daran macht, mit eher gestrigen Methoden die Übeltäter zur Strecke zu bringen.

Klar, dass er dabei von einem Missgeschick ins nächste tapst. Tapsen muss. Aber was stört das einen Charakter, der Johnny English heißt, von Rowan Atkinson gespielt wird und aussieht wie Mr Bean?

Von Stefan Stosch

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